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Full text of "Martin Opitz"

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Martin Opitz 



Von 



Friedricli Gundolf 




19 2 3 



München und Leipzig 
Verlag von Duncker & Humblot 



Martin Opitz 



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Martin Opitz 



Von 



Friedrich Gundolf 





19 2 3 



München und Leipzig 
Verlag von Duncker & Humblot 



Ali(in|jui(> 

Plwrscho ilcfbuolulrialverei 
Stephan Ceibol A- Co. 



Der Geist des Martin Opitz beherrschte die deutsche Literatur 
unter verschiedenen Statthaltern bis Lessing und Klopstock und 
vollendete den zweck- oder schmuckhaften Gebrauch von Lehr- 
stoff und Redeformeln nach fremden Regeln und Mustern, trotz 
gelegentlichen Durchbrüchen sinnlicher oder seelischer (meist 
rehgiöser) Kräfte. Dieser Zustand hebt sich ab gegen frühere und 
spätere: die Dichtungen des Mittelalters waren sprachliche Funk- 
tionen des katholischen Kultus oder der ritterlichen Geselligkeit, 
naive Formen des weltlichen oder geistlichen Dienstes oder Spiele 
der Fernensucht. Die deutschen Werke der Reformationszeit sind 
Ausdruck von Massenerregungen und -gesinnungen oder derbe 
Sammlung von Erdenstoff . . die lateinischen sind vielseitig an- 
gewandte Rhetorik und Stilistik — freilich die kosmopolitischen 
Vorläufer der deutschen Barockmache. Die Werke unsrer klassischen 
und romantischen Jahrzehnte sind selbstgenugsame Ich- und Welt- 
bildung, gehobener Sprachausdruck der geistig bewegten und 
gestalteten Einzelperson. (Es ist nur die Rede von den führenden 
Mächten, die das Gesicht eines Zeitalters prägen. Schwächere, 
unterirdische, von früher noch nachspukende, von künftig schon 
vorlebende Tendenzen walten immer.) 

Das siebzehnte Jahrhundert wird geistig bestimmt durch Re- 
formation, Humanismus und Naturlehre. Die Reformation 
hatte das Ich gelöst vom Kult der Kirche, die außerseelischen Maß- 
stäbe zerbrochen und ein sichtbares Gottesgefüge ersetzt durch 
eine nur innerliche Beziehung und ein vieldeutiges Buch. Der 
Humanismus hatte einen Bereich des schönen Sagens und 
Gebahrens wieder entdeckt; die antiken Klassiker. Was erst eine 
Befreiung aus Tumbheit und Stummheit war, wurde im Verlauf 
eines Jahrhunderts hurtiger Betrieb . . die schöne Rede, ursprüng- 
lich Ausdruck des schönheitswilligen und -gläubigen Eigengeistes, 
erstarrte zur leeren Zier. Die neue Naturwissenschaft, ent- 
standen aus dem Verlangen nach Beherrschung der seit den großen 
Weltfahrten mächtiger andringenden Himmels- und Erdendinge, 

Guadolf, Martia Opitz. 1 



2 Friedrich Gundolf. 

geriet unter die Fron ihrer eigenen Mittel, die Mathematik be- 
wältigte den Geist: man sah zuletzt das All nur noch soweit es in 
Beweis und Gesetz zu fassen war. Diese drei Bildungsmächte, die 
frischen Antriebe des i6. Jahrhunderts, ein neuer Glaube, eine neue 
Haltung, ein neuesWissen, durchwalteten später, starrer, abgefeimter 
auch noch das 17. Davon war nur die erste deutsch, die anderen 
europäisch: aus dem Vorwiegen des Protestantismus, der ja auch 
seinen Gegenstoß bestimmte, ergab sich der besondere deutsche 
Zustand. Die Reformation hat bei uns auch den Humanismus und 
die Wissenschaft gefärbt, während in Frankreich, England, Holland 
selbst der Glaube humanistisches oder politisches Gepräge trug. 
Calvin hat seinen Glaubensbau in humanistischem Stil errichtet, 
und Milton ist so sehr Klassizist wie Puritaner. Bei uns sind selbst 
die Anakreontiker noch ein wenig Pastoren, und die protestantische 
, , Innerlichkeit" hat die Überlieferung von Sinnenformen und Leibes- 
normen behindert. Die Reformation hat gewissen deutschen 
Grundzügen, dem Suchen, Schweifen, Werden mit der Unlust 
im gestaltigen Sein, ihre geschichtliche Macht und Fassung ge- 
bracht. Im 17. Jahrhundert kam erst die Gefahr der Formfeind- 
schaft zum Vorschein, nachdem im 16. der formsprengende Lebens- 
überschuß seine erweckende und lösende Wirkung geübt und dem 
horror vacui gewehrt hatte: jetzt griff die Formensucht (die Ent- 
artung und das Widerspiel des natürlichen Formtriebs) nach 
fremden Mustern und Maßen. Darin unterscheidet sich die 
deutsche Barockliteratur grundsätzlich von jeder anderen, daß 
ihre Formen nicht heimisch gewachsene oder einverleibte sind, 
sondern willentlich nachgemachte. Selbst die spanische, italienische 
und französische Manier der Gongora, Marini, Voiture sind 
echteres Gewächs ihrer Volksart als unsre Opitz, Lohenstein, 
Gottsched, zu schweigen von dem französischen Klassizismus, 
diesem reinsten Ausdruck nicht nur französischen Sinns, sondern 
auch Geblüts. Der deutsche Barockformalismus kommt gerade 
aus der Formlosigkeit, die der Humanismus maskiert, der Pro- 
testantismus gesteigert hat. 

Am meisten litt an dem Sieg des formfeindlichen Glaubens 
über die Bindung der Kirche und die Bildung der Renaissance 
gerade das deutsche Dichten: die Gestaltung der Weltkräfte in 



Martin Opitz. 3 

Sprachgebilden des Ich zersetzte sich, als zwischen der Seele und 
Gott und Welt eine Kluft gähnte die nur durch „Beziehungen" 
geschlossen werden sollte. Dagegen gedieh eben dadurch die 
Wissenschaft, die ja gerade Beziehungen herstellt und zeigt, 
Gesetze, Maße, Wirkungen. In dieser Blütezeit des Verstandes 
erscheinen am glorreichsten die großen Männer denen der Ver- 
stand der rechtmäßige Führer war. Gelehrte, wie Kepler und 
Leibniz, sind der einzige deutsche Weltruhm zwischen 1600 und 
1700. Das Zeitalter lief mit der Wissenschaft und wider die Dicht- 
kunst — es ist das grundlegende Jahrhundert der ,, Wissenschaft", 
die die Welt als Ganzes mit dem Verstand deuten will als eine be- 
rechenbare Einheit gesetzUcher Funktionen, nicht mit der Phantasie 
schauen oder mit der Seele fassen, wie die Repräsentanten des 
deutschen Mittelalters, oder mit der Vernunft erschaffen, wie der 
Idealismus um 1800, oder die Teile erkennen, verknüpfen und an- 
wenden, wie die ,, Forschung" des 19. Jahrhunderts. 

Nach drei Seiten läßt sich der Zerfall der menschlichen Ganzheit 
in der Dichtkunst des deutschen Barock wahrnehmen, die Ver- 
selbständigung der Einzelkräfte. Es sondert sich zunächst der 
Verstand: die Zweck- Poesie, die bewußte Nachahmung von Regeln 
und Mustern, die eigentliche Opitz - Schule gehört dahin. Sodann 
die Phantasie: sie wird ein Vorrat bunter Bilder und Zierstücke 
die der Verstand zu seinen Schul- und Hofzwecken behebig wählt : 
der Schwulst, die ,, Fettschwätzer ei", die Pegnitzschäferei, die 
lüsternen und ledernen Spiele der späteren Schlesier machen die 
Sinnenwelt zu einem Bilderbuch für den vorstellungsbedürftigen, 
anschauungsunfähigen Verstand. Selbständig wird drittens das 
Gemüt. Damals beginnt die Seelenschwelgerei, nicht mehr durch 
leibliche Satzung gebändigt wie in der Minnezeit, sondern boden- 
los, zuerst frömmelnd, dann empfindelnd — die beste geistliche 
Lyrik des 17. Jahrhunderts gedeiht und leidet an dieser neuen 
Weichheit. 

Doch nicht nur die Kräfte werden ,,frei", auch die Stoffe — 
unabhängig von der menschlichen Bindung. Der Verstand häuft 
Wissensmassen, die Phantasie Bilder massen. Die öde Vielwisserei 
und Sammelwut, das scheckige Theaterwesen, die Modefratzen, 
der brünstige Prunk, das wirre Abenteurertum und die entartete 



4 Friedrich Gundolf. 

Magie an den kleinen Höfen, das mastige Zeremoniell, die Schäfer- 
spiele und Blumenorden sind lauter Zeichen einer geschwächten, 
von den Gütern, Dingen und Reizen überwältigten Formkraft: 
sie alle erscheinen damals zuerst in entschiedenem Unmaß. Ver- 
kauzte Herrscher wie Rudolf IL, Condottieren wie Wallenstein, 
Quodlibet- Pfaffen wie Abraham a Sancta Clara sind damals erst 
möglich und bezeichnend für einen Volkszustand . . ja selbst die 
Hexenprozesse, der Greuel einer zugleich rational verdorrten und 
verstofflichten Phantasie, wachsen erst im 17. Jahrhundert zur 
Massenseuche. Und sogar das Gemüt, die reine Innerlichkeit, 
wird Stoff in der Mystik, selbständige Bewegung in der Musik. 
Ein dichterisches Genie hat zwar in sich die Zersetzung über- 
wunden: Grimmeishausens Sim^plizissimus ist ein deutsches Welt- 
gesicht, gestaltige Durchdringung der barocken Stoff massen. Doch 
dies Werk blieb ein persönliches Kuriosum ohne volksbildende 
Macht. Es gab genug Fülle ein solches Genie zu zeitigen, nicht 
genug Kraft es zu verewigen. Was sonst noch über den rohen 
Lebensstoff, den Lehrzweck und das Zierbedürfnis hinaus damals 
wenn nicht zu dichterischer Gestalt so doch wenigstens bis zu 
sprachlicher Beseelung geriet, stammt meist aus der Mystik, der 
protestantisch nördlichen oder der katholisch-spanischen . . auch 
Grimmeishausen hat aus diesem dunklen Seelenquell geschlürft. 
Jakob Böhme ist für die geistliche Lyrik des deutschen Barock 
ein ähnlicher Vorstammler und Geheimrauner wie etwa Hamann 
für die Seelentöne des Sturm und Drang, auch solche anhauchend 
die ihn nicht kannten. Doch alle persönlichen Begabungen und 
unterirdischen Regungen blieben vereinzelt, verkauzt, versponnen, 
nicht, wie die Mystik des Mittelalters, eine tnächtig befruchtende 
Seelenwelle, oder wie das Dichten und Denken von Kant bis Goethe, 
eine ruhig strahlende Geistersonne — unabhängig von der Zahl der 
davon berührten Personen, schon durch ihren Rang und Raum. 
An versprengten Sonderkräften war Deutschland auch damals 
nicht arm — doch führten nicht die Stärksten und Tiefsten, sondern 
die Verständigen, Gewandten, Gelehrten. Opitz wird zum Be- 
gründer der Wortekunst in neuhochdeutscher Sprache. Seine 
Poetik und Poeterei hat die vereinzelten, aus gleichen Bedürfnissen 
und Gesinnungen kommenden Ansätze einer neuhochdeutschen 



Martin Opitz. 5 

Humanistenliteratur zusammengefaßt, ermächtigt und aus privaten 
Versuchen ein Gesetz gemacht, als gültige Richtung befestigt was 
vorher läßliche Willkür war. Seine Vortaster Schede, Rebhuhn, 
Clajus, Hock, Weckherlin, Hübner, werden von ihm aus deutlich . . 
ihr Wollen bekam erst durch den Sieg seiner Reform ein Gesicht, 
und es ist sinnvoll, daß eine künstliche, auf dem Verstand begründete 
Wandlung nicht dem lebendigsten Temperament, Weckherlin, 
sondern dem verständigsten Kopf gelang. 

Opitz' Lebenslauf ist für sein Schaffen weniger wichtig als die 
geistigen Aufgaben die er vorfand. Sein poetischer Gehalt stammt 
weniger aus Herzenserlebnissen als aus Anregungen durch Bücher, 
Reisen, Bekannte — und auch hierbei sind Bücher, die abgezogenste 
Erfahrung, am fruchtbarsten . . auch die Reisen sind ihm zuerst 
Lehre und Schmuck liefernde Ereignisse, auch die Bekannten 
sind ihm Lehrer, Schüler, Gönner, durch Zwecke und Erfolge ge- 
regelte Beziehungen. Freundschaft und Liebe als Seelenmächte 
kennt er kaum: Liebe ist ihm Reiz, Scherz, Spiel, Redegrund. 
Eine dichterische Lebensgeschichte hat Opitz sowenig wie ein 
Philolog oder Naturforscher. Seine Ämter, Reisen, Verhältnisse 
sind in seinem Werk zwar genannt, doch nicht ausgedrückt, keine 
persönlichen Schicksale, sondern Zeitgesinnungen, Bildungs- 
Zustände, Geistesfragen, und der Biographie bedürfen wir hierbei 
mehr, um den geometrischen Ort zu bestimmen wo die Person 
solche schon vorhandenen Linien schneidet, als um das Wachstum 
eines Kraftkeims durch Auswahl und Einwirkung der Außenwelt 
zu zeigen. Die Werke solcher Poeten sind mehr verschiedene 
Kombinationen gegebenen Stoffs als neue Geburten. Denn der 
Verstand, der Führer des Zeitalters, hat zwar verschiedene Um- 
fangsgrade, aber keine ,, Persönlichkeit". Die Denkgesetze wonach 
er Stoffe nimmt, verknüpft und teilt gelten für jedes Hirn, wenn 
auch nicht jedes Hirn gleich geschickt ist, ihnen zu dienen. Was 
den Menschen zum Eigenwesen, zur ,, Individualität" macht, liegt 
über oder unter dem Verstand — und mag Blut, Seele, Wille, Geist, 
Schicksal, oder wie immer man das eben Unfaßbare, Unteilbare, 
Unmitteilbare nenne, im Dasein der Opitze gewaltet haben: zu 
Sprache ist es nicht geworden und ihre Biographie verrät keine Ein- 
heit von Leistung und Leben. Der Verstand kennt Erziehung, keine 



6 Friedrich Gundolf. 

Entwicklung . . Ordnung, keine Schöpfung. Deshalb darf es in 
Verstandeszeiten und -personen keine Lebensgeschichten wie die 
Goethes geben. Nur daß bei Opitz Lebenslauf und Werk sich nicht 
durchdringen, sondern bestenfalls aufeinander beziehen, ist eine 
biographische Tatsache und zugleich eine geistesgeschichtliche. 

Schon der Erdengang des Opitz ist musterhaft für seine Mit- 
werber und Folger: nicht gelenkt durch einen Dämon der Unruhe 
oder Sehnsucht, durch den sittlichen Willen oder das geistige 
Streben (auch wenn sie ein solches hatten), durch Pflicht, Leiden- 
schaft, Ideal, Gesetz oder Sitte, wie die sinnbildlichen Lebens- 
läufe unserer Minnesänger, Humanisten, Reformatoren, Klassiker 
oder Romantiker, sondern durch das Verlangen nach nutz- und 
ehrbringender Gelehrsamkeit und nach leidlichem Fortkommen, 
mit Hilfe von Verbindungen und Gönnern. Es ist ein heteronomes 
Leben, beherrscht von äußeren Zwecken, Gelegenheiten, Zufällen. 
Nur das jeweilige Maß von Haltung, Klugheit, Selbstsucht und 
Selbstzucht bestimmt das individuelle Geschick dieser Verstandes- 
abenteurer, ja ihre Individualität selbst bis in ihr Schaffen hinein. 
Abenteurertum: dies ist das Gepräge der damaligen Schrift- 
steller wie der damaligen Fürsten und Staatsmänner, ja der Staaten 
selbst. Abenteurertum, nicht mehr als halbdunkles Schweifen in die 
Ferne, Gralsfahrt und Wundersuche, sondern als unverantwort- 
liches Bedürfnis des Sonderwillens. Die alten Einheiten, Reich und 
Kirche, waren entgeistet, die geblütlichen Ordnungen der Stände 
und Kasten nicht mehr zwingend genug, die modernen politischen 
und wirtschaftlichen Verbände noch nicht fest gefügt genug, um 
eine Person ohne heilige Stimme zu befehligen: so kam der freie 
Beruf auf, der in seinen Anfängen weder innere Berufung noch 
geregelte Zunftübung noch behördliches Amt ist, sondern un- 
verbindliche Wahl des Wirkungskreises nach Nutz oder Not . . 
die Suche dieses Berufs macht die Menschen zu Abenteurern bis 
zu Wallenstein hinauf, bis zu den Komödianten hinab. In den 
Mittellagen werden selbst die Besseren leicht zu streberischen 
Glücksrittern, wenn sie nicht enge Eiferer sind wie die Pfaffen 
oder entrückte Grübler wie die Mystiker. Diesem Opportunismus 
verfallen genialische Triebmenschen wie Günther und zielbewußte 
Weltleute wie Opitz, ja wie Leibniz. Selbst der herrhche Kepler 



Martin Opitz. 7 

ist wohl nur durch die Moralfreiheit seiner Wissenschaft vor dem 
entehrenden Opfer der Überzeugung bewahrt worden, wenn man 
nicht seine astrologischen Brotkünste dahin rechnen will. Aber wir 
finden in diesem deutschen Jahrhundert keinen verwegenen 
Kämpfer wie Hütten, kein reines Opfer seines Glaubens wie Sebastian 
Franck oder rastlose Selbstbildner wie Lessing und Herder, keinen 
durch eigene Weihe und Würde gesicherten Sänger wie Klopstock, 
kurz : bei vielen trefflichen Privatcharakteren kaum einen autonomen 
Träger geistiger Sendung - mit Ausnahme vielleicht des Thomasius, 
dieser barocken Vorform Lessings. Das Reinste sind noch konflikt- 
lose Seelsorger wie Paulus Gerhard oder Friedrich Spee, welt- 
kundige Sittenschilderer. Mahner, Spötter wie Grimmeishausen, 
Moscherosch, Logau, verzückte Schwärmer wie Kuhlmann. Keine 
Idee des Zeitalters war als solche seelenformend, herzenzwingend 
genug um ganz hingegebene Verfechter zu finden die nicht auch 
,, anders gekonnt" hätten . . einerlei ob sie schon anerkannt war 
oder erst in einem neuen Ich nach Bewußtsein und Gestalt rang. 
Die besten Geister sind damals nur Muster und Minister, Söldner 
und Pfründner vorhandener Ordnungen. Abenteurer hat es immer 
gegeben, aber nur damals bestimmen sie das Niveau. 

Martin Opitz entstammt dem protestantischen deutschen Mittel- 
stand: als Kind eines angesehenen leidlich wohlhabenden Bürgers 
und einer geistig geweckten Mutter ist er im Dezember 1597 in 
Bunzlau am Bober geboren. Gelehrte Neigungen waren in der 
Familie erblich. Bunzlau selbst war ein Hochsitz protestantischen 
Schulwesens in Schlesien seit der Reform Valentin Trotzendorfs, 
dessen Lateinunterricht Melanchthon rühmte. Schlesien war das 
östliche Einfallstor der Renaissance . . damals glänzte Kochanowski 
als polnischer Ronsard. Der Geist Melanchthons — die Verbindung 
von Bibelfrömmigkeit mit Humanismus — schwebte über der 
Erziehung des jungen Opitz, die erst sein Oheim Christoph Opitz 
leitete, dann Valentin Senftleben, ein gütiger und weltkundiger 
Schulmann. Opitz blieb ihm stets zugetan und widmete ihm sein 
lateinisches Erstlingsbuch, eine Epigrammsammlung, Strenarum 
libellus (1616). In seiner Vaterstadt schon knüpfte er seine ersten 
Kameradschaften, mit Kaspar Kirchner und Bernhard Nüßler. 
auch sie Begleiter seines ganzen Wegs, wie ihm denn bei einer 



8 Friedrich Gtindolf. 

gewissen Kühle doch eine menschengewinnende und -haltende An- 
mut, eine echte Verbindlichkeit eignete: er war ein Virtuose nütz- 
licher Freundschaft und bedenklicher Liebschaften. Siebzehn- 
jährig bezog er, frühreif und vielgewandt, ebenso begabt zum 
Aufnehmen wie zum Anwenden, das Breslauer Gymnasium und 
erwarb durch Lateinpoesien die ersten Gönner, humanistisch ge- 
bildete Honoratioren Breslaus, Ärzte, Juristen, Scholarchen. Sie 
veranlaßten ihn, mit dem sicheren Brotstudium der Juristen die 
anmutige Gelehrsamkeit zu verbinden, Sprachkunde und Rede- 
künste. Auf dem Beuthener Schönaichianum, einer reformiert- 
humanistischen Hochschule, begann er die eigentliche Gelehrten- 
bahn, indem er auch hier die Bildung zu Verbindungen nützte. 
Ein habsburgischer Würdenträger, Tobias Scultetus von Brego- 
schütz, ward sein gelehrter Mäzen. In Beuthen ahnte ihm beim 
Blick auf die literarischen Zustände Deutschlands sein Beruf, 
die Begründung vaterländischer Gelehrtenpoesie: davon zeugt 
sein Aristarchus 1617, eine lateinische Abhandlung über den 
poetischen Wert der deutschen Sprache. Von Beuthen zog er nach 
kurzem Verweilen in Frankfurt a. Oder 1618 nach Heidelberg, 
dem Hochsitz neuester Bildung, sinnlicher Hofpracht, reger 
Geselligkeit, gelockt vom Ruhm der Bibliothek und dem Glanz 
des Hofs. Unter den Lehrern zog ihn zumeist Jan Gruter an, der 
gefeierte Masseneditor klassischer Autoren. Heidelberg war ein 
Markt der Bildungsgüter: französische, holländische, englische 
Einflüsse hatten hier die deutsche Dumpfheit geschmeidigt und 
einen höfischen Formensinn gereift, einen freieren Verkehr, der 
sich von der Pfarr- und Schulenluft des östlichen und nördlichen 
Deutschland lockend abhob — dort war noch ein deutscher Nach- 
sommer der südlichen Renaissance. Der wache junge Literat fand 
auch dort Gönner, Freundschaften, Buhlschaften. In Briefen seiner 
Heidelberger Freunde, Lingelsheim, Zinkgref, Barth, atmen wir 
die Morgenluft des späthumanen Strebens im Kreis neudeutscher 
Lerner und Hoffer: sie fühlten sich als ,,neue Zeit". Der Ausbruch 
des Kriegs störte diese Blüte, Hof und Universität verfielen. Opitz 
ging nach Holland, zumal zum Führer des niederländischen 
Humanismus, Daniel Heinsius. Dessen niederländische Verse 
weckten ihn zur Dichtung in heimischer Sprache: an dem stamm- 



Martin Opitz. 9 

und klangverwandten Muster gingen ihm die Möglichkeiten 
deutscher Prosodie auf. Weniger die Lust an Land und Leuten 
als das Bedürfnis nach Lehrern, Gönnern, Gefährten trieb ihn 
auf Reisen, und er blieb wo er versorgt wurde — 1620/1621 in 
Jütland als Gast eines Heidelberger Mitschülers, des Dänen 
Hamilton, eine trübe karge Zeit der Einkehr, vereinsamt durch 
Unkenntnis der Landessprache, abgeschnitten vom Geldzuschuß 
aus der Heimat, fast bücherlos. So gedieh seine erste längere 
deutsche Dichtung, vielleicht seine beste, weü von Zitatenlast und 
Lobhudelei freieste: das Trostgedicht in Widerwärtigkeit des 
Kriegs. Im Sommer 1621 reiste er über Lübeck zurück nach 
Schlesien, um dort unterzukommen am Hof des schlesischen 
Landeshauptmanns, wo Kirchner und Nüßler für ihn warben. 
Er meinte sich einen Posten zu erschreiben und zu erwidmen durch 
den Lobgesang Jesu Christi und den Lobgesang Bacchi, eine lehr- 
haft philologische Hymne nach Heinsius. In Breslau war kein 
Amt frei, doch berief ihn Fürst Bethlen Gabor auf die Empfehlung 
eines Gönners an die Fürstenschule zu Weißenburg in Sieben- 
bürgen. Dort erklärte Opitz Horaz und Seneka, sammelte In- 
schriften, forschte nach der antiken Geschichte des Landes, 
Archäologie, Philologie und Poetik verbindend. Trotz gelehrter 
Beute, trotz Fürstengunst und Freundschaften, ja trotz der Liebe 
zur ,, langen Vandala" ward er nicht heimisch unter dem sieben- 
bürgischen Schmutz und Strohdach, fernab von den Sitzen der 
deutschen Bildung, und kehrte 1623 nach Schlesien zurück, um 
als freier Gelehrtenpoet sich durchzubringen. Aus Siebenbürgen 
brachte er Beiträge zu einem Werk über Dacia antiqua, das ver- 
gilisierende Lehrgedicht ,,Zlatna" und etliche geistliche Poeme 
als Zeugnisse seiner Gelahrtheit, seiner Dichtkunst, seiner Frömmig- 
keit. Eine Nachdichtung der Psalmen zu Goudimels Weisen 
(schon seit Ambrosius Lobwasser und Melissus Schede eine be- 
liebte Übung), die ,, Episteln des ganzen Jahrs", trugen ihm den 
Ratstitel ein. Damals (1624) veröffentlichte in Straßburg sein 
Heidelberger Kommilitone Zinkgref eine Sammlung von Opitzens 
Gedichten mit dem ,,Aristarch", nebst eignen Versen und solchen 
von Vorläufern und Mitläufern (wie Schede, Denaisius, Weckherlin, 
Lingelsheim, Hamilton. Kirchner, Venator, Kreutz, Gebhard, 



10 Friedrich Gundolf. 

Wessel, Habrecht), das erste Buch worin die deutsche Wort- 
kunst als bewußt „neue Richtung" erscheint. Zinkgref wollte 
wohl dem Freund und sich als dem Einbegleiter den Ruhm der 
Gründer sichern, doch Opitz, inzwischen sicherer und klarer ge- 
worden, sah in dieser voreiligen Festlegung eine Gefahr seines 
Ruhms die er bannen müsse. So schrieb und veröffentlichte 
er (Breslau 1624) schnell sein Buch von der Teutschen Poeterey, 
den authentischen Grundriß seines Wissens und Wollens, das 
alleingültige Gesetzbuch der neuen Kunst. Es hatte rasch den 
gewünschten Erfolg, das Ansehen des Verfassers zu befestigen und 
seine Grundsätze zur Herrschaft zu führen, trotz vereinzelten 
Murrens überholter Vorgänger, wie Hübner oder Weckherlin. 
Seinem Ruhm entsprach nicht sein Einkommen . . er mußte weiter 
Stellen suchen und lukrative Verbindungen. Sein einflußreicher 
Verehrer August Buchner, Professor in Wittenberg, wollte ihn 
bei dem Fürsten Ludwig von Anhalt, dem Haupt des Palmen- 
ordens, einfreunden, doch scheiterte eine Anstellung an den Kriegs- 
nöten des Fürsten und wohl auch am Widerstände einiger Ordens- 
mitglieder gegen den anspruchsvollen Neuerer, der ihre Prioritäts- 
eitelkeit verletzt hatte (vielleicht sogar durch epikurische Poeten- 
freiheit das Schamgefühl des frommen Herrn). Opitz ging über 
Dresden, wo er mit dem Komponisten Schütz sich befreundete, 
nach Schlesien zurück. Seinem Apostel Buchner dankte er durch 
die Zuschrift seiner Verdeutschung von Senekas Trojanerinnen. 
Kirchner nahm ihn auf einer Amtsfahrt mit an den Wiener Kaiser- 
hof: dort wurde er für ein höfisches Leichenkar men von Ferdinand 
zum Poeten gekrönt, aber nicht bestallt, wohl wegen seiner Kon- 
fession. Dann ist er in Breslau, Liegnitz, Brieg, Bunzlau unsteter 
Gast von Verehrern, Bibliotheken, Archiven und ediert die ,,Acht 
Bücher Teutscher Poematum" (Breslau 1625) — geistliche Sachen, 
Lehrgedichte, Hochzeitsgedichte, Amatoria, Oden, Sonette und 
Epigramme, Proben aller kürzeren , .Gattungen" . Trotz des Ruhms 
den ihm dies Buch eintrug mußte er um Lohn schreiben: er über- 
setzte Barclays Staatsroman Argenis und bearbeitete Jeremiae 
Klagelieder, nicht ohne Bezug. Dann ward er Sekretär des Burg- 
grafen Karl Hannibal von Dohna: der war ein leidenschaftlicher 
Papist, und sein Amt forderte von Opitz manches Gewissensopfer, 



Martin Opitz. 11 

nicht nur Stillschweigen zur Protestantenhatz, sondern auch Lob- 
töne für seines Brotherrn fragwürdige Heldentaten. Seelenkämpfe 
hat das den Poeten schwerlich gekostet. Sein Gesetz empfing 
er nicht vom Glauben, sondern vom Wissen und Haben. Dohna 
begünstigte die Humaniora, das genügte Opitz, und es bedurfte 
für ihn keiner besonderen Feilheit, um seinen Vorteil dabei zu 
finden: seine ,, Religion" war der Humanismus, nicht der Pro- 
testantismus. Im Auftrag Dohnas reiste er, seit 1627 ,, Opitz von 
Boberfeld", 1630 nach Paris (wo damals unter Richelieu das Grand 
Siecle begann) ,, der Auszug der Natur, der Städte Licht, der Weis- 
heit Sängerin", zugleich der Sitz der reifsten Politik. Opitz er- 
neuerte dort alte und fand neue Bekanntschaften, vor allem den 
Hugo Grotius. In der französischen Literatur strahlte gerade 
zwischen Ronsard und Corneille kein großer Stern, und Opitz 
merkte mit einigem Mißmut daß die Plejade schon verblaßt 
schien — Anlaß zu elegischen Gedanken über die Vergängnis des 
Ruhms und den Flattersinn der Leser. Damals wählte er sich das 
Symbolum > Quantum restat?< zum weltlichen Memento. Zurück- 
gekehrt in die Heimat, wo ihm der Abglanz der Weltstadt neues 
Licht verlieh, widmete er sich — durch Dohnas diplomatische 
Korrespondenz wenig beansprucht — seinen literarischen und anti- 
quarischen Arbeiten: er schrieb an der Dacia antiqua, verfaßte 
für Schütz das vorbildliche deutsche Singspiel Daphne, zwang die 
Mär von Jonas in ein erbauliches Lehrpoem, dramatisierte das 
Hohelied, besang den Gott Mars, verdeutschte die katonischen 
Zweizeiler und des Sieur de Pibrac Vierzeiler. Von seinen größeren 
Eigenwerken entstand damals sein Vielguet und seine Schäferei 
von der Nymphe Hercynia. In Dohnas Auftrag übersetzte er ein 
Jesuitenpamphlet wider die protestantische Irrlehre und hielt sich 
dafür schadlos durch die gleichzeitige Verdeutschung von Grotii 
Gedicht über den Christenglauben. 

Durch Dohnas Sturz nach dem Schwedensieg wurde Opitz 1632 
wieder stellenlos. Sein Poetenruhm litt unter seiner religions- 
politischen Zweideutigkeit nicht — man nahm das bei Poeten 
nicht so schwer. Er warb — einjVorläufer von Leibniz — für einen 
Ausgleich der Bekenntnisse. Bei den schwedisch-sächsischen 
Machthabern in Breslau galt er viel, zumal bei Ulrich von Holstein — 



12 Friedrich Gundolf. 

nach dessen Ermordung schrieb er ihm den Nachruf, den er sich 
sterbend gewünscht hatte. Die Liegnitzer Herzoge schickten ihn 
als poHtischen Unterhändler zu Oxenstierna und zu Baner, und er 
erwarb sich deren Gunst: sein Dichterruf und seine Gewandtheit 
schmeichelten ihn überall ein, und sein Humanismus war eine ge- 
winnende Macht. Denn nicht die „Politik" war damals das Schick- 
sal, nicht die Staatsnotwendigkeit, sondern die ,,Affairen", die halb 
privaten, halb sachlichen Interessen, worin persönliche Willkür 
leichter schalten konnte als in festen Gefügen. Gerade darum war 
für geschickte Liebhaber und gebildete Streber manches zu tun, 
weil nichts notwendig geschah . . da war zu basteln, zu flicken, zu 
schieben . . das diplomatische Mitmachen ohne Drang und Not 
gehört zum Gesicht des Opitz. Seit der Verödung Schlesiens 
verzog er in die Nähe der schwedischen Gönner nach Danzig: 
auch hier nützte er praktisch und geistig die lokalen und regionalen 
Umstände. Sein Danziger Wirt, ein reformierter Prediger, kannte 
den König von Polen, mit einer Schrift über polnisches Staatsrecht 
winkte Opitz nach dieser Seite und fand einen polnisch gerichteten 
Gönner im Grafen Dönhoff, dem Eidam des Herzogs vonThorn. 
Die Gunst die der Staatsschriftsteller errungen bezahlte er als 
Gelehrter mit einer Verdeutschung der Antigene und als Poet mit 
einem Lobgesang auf die polnische Majestät. Er wurde 1636 
polnischer Hofhistoriograph — eine Sinekure mit Gehalt. Lateinische 
Aufsätze und Sammlungen zur Geschichte Polens, die Dacia 
Antiqua, die Übersetzung von Augustins Gottesstaat beschäftigten 
diese Muße. Mehr und mehr kehrte Opitz zur Gelahrtheit zurück, 
der eigentlichen Heimat seines Geistes, dem Grund auch seiner 
Poesie. Als Poet ist er in Danzig, abgesehen von etlichen Ge- 
legenheitsversen und einem Judithdrama, fast nur noch Übersetzer 
und Herausgeber. 1637 und 1638 rundete er seine gesammelten 
Gedichte. Den Zusammenhang mit der älteren deutschen Literatur 
hält er aufrecht, ein Ahne Gottscheds, Lessings und Herders, 
mit seiner Ausgabe des Annolieds, seine letzte — fast seine rüh- 
rendste Leistung. Im August 1639 ist er an der Pest gestorben, 
42 Jahre alt. 

Dies ist der sinnbildliche Lebenslauf des deutschen Barock- 
literaten, des Gelegenheitsdichters, der bei dem Streben nach Ehre 



Martin Opitz. 13 

und Gut, nach Wissen und Redekunst sich einrichten muß auf 
möglichst lukrative Verwendung seiner Gaben und selbst seiner 
temperierten Ideale bei möglichst einsichtigen oder möglichst 
bequemen Gönnern . . ein kluges Lavieren zwischen Geisteswürde 
und Notdurft, zwischen dem eignem Stolz und den selbstischen 
Ansprüchen von Fürsten, Pfaffen oder Ratsherren, den unum- 
gänglichen, doch nicht undurchlässigen Brotherren der Bildung. 
Der Dichter und seine Gönner, sein Publikum, gehören damals 
gesonderten Schichten an. Noch zur Zeit des Hans Sachs ist 
Poesie die Stimme der Schicht welcher sie entstammt, und der 
Autor redet nicht für Andersartige, sondern aus Gleichartigen 
zu Gleichartigen. Später erst stimmt er sich nicht zu dem was er 
ausdrücken muß, sondern was sein Brotherr — Rat oder Hof — 
hören will. Noch wenn Walter von der Vogelweide bettelte, so 
tat er es als armer Ritter, nicht als armer Poet, und Hans Sachs 
ernährte sich nicht mit dem ehrenamtlichen Meistersingen, sondern 
mit der Schusterei. Freilich gab es vom frühen Mittelalter her eine 
Kaste von Spielleuten die weder zum Ritterstand noch zum Volk 
gehörten: sie brachten was man verlangte, abhängig vom Geschmack 
der Hörer und zugleich ihn beherrschend oder unmerkbar wandelnd, 
je nach dem Grad von Freiheit oder Überlegenheit die der Out-cast- 
Stand ihrem Talent verschaffte. Doch diese Fahrenden bean- 
spruchten kaum Würde der Person und der Leistung. Meist 
galten ihre Sänge und Schwanke wie Gauklerkünste (wie viel 
stärker sie auch wirken mochten), und sie selbst reihte man unter 
solche immer bedurften, gern gesehenen, oft gut bezahlten, selten 
hochgeehrten Gewerbe. Noch Shakespeare hat den Makel seines 
Standes beklagt, wie gerade die Besten auch der mittelalterlichen 
Spielleute: die Gestalt des Fiedlers Volker und die Betonung von 
König Rothers Spielmannstum bezeugt einen höheren Ehrgeiz 
und ein feineres Würdegefühl, doch zugleich, daß hier die Ausnahme 
und nicht der Durchschnitt spricht. Die Mehrzahl der Fahrenden 
wird so wenig unter ihrer gottgegebenen Entwürdigung gelitten haben 
wie ein indischer Paria, oder wie ein Seiltänzer unter der mangelnden 
Hoffähigkeit. Den Schriftstellern des siebzehnten Jahrhunderts 
brachten schon ihre Lebensumstände eine neue Aufgabe: die 
Wahrung der Dichterwürde vor gesellschaftlich anders, meist 



14 Friedrich Gundolf. 

höher Gestellten. Solange der Ritter für Ritter von Ritterdingen 
dichtete, der Bürger für Bürger von Bürgerdingen, hatte er nur 
seine Kunst zu bewähren, nicht seine Würde zu bewahren — denn 
eben die hatte er als ein ebenbürtiger . . und der Fahrende forderte 
weniger Achtung als Lohn: Würde hatte er weder zu erringen 
noch zu verlieren, höchstens Ruf, der seinen Preis steigerte, nicht 
seinen Rang. 

Würde der Sonderperson brachte erst der Virtuosenkult der 
Renaissance. Seit Petrarca ist der Wisser und Könner ein Ziel 
erst des Staunens, dann der Bewunderung und schließlich der 
bürgerlichen Achtung. Der italienische Humanist, zuerst als 
Eigenwesen den geschlossenen Ständen frei gegenübertretend, 
beansprucht und erringt persönliche Würde zunächst als der einzige 
Träger sprachlicher Weihen und heiliger Überlieferungen, als der 
Vermittler des Altertums und dann als der Austeiler des ,, modernen 
Ruhms", der Verzierer der neuen Feste, als der Mann der die 
Rede besaß und verlieh. Zauber und Nutzen, Scheu und Zweck 
halfen zur Würde der geistigen Person im Europa der Renaissance. 
Im selben Maß jedoch wie dieser Zauber, der bei Petrarca noch 
morgendlich lockte und bei Erasmus mittaglich glänzte, geläufiger 
und massenhafter wurde verlor er auch. Die neue Sprachweihe 
ruhte anfangs auf den Wiederfindern des klassischen Latein, als 
der Stimme der erhabenen Vorwelt . . sie senkte sich dann auf die 
Schmücker und Schmeidiger der verschiedenen Landessprachen — 
und in romanischen Ländern, wo die Schönredekunst immer eine 
Macht war, blieb nicht nur den Neulateinern, den Verwaltern der 
ökumenischen Sprache und der Kunde vom heüigen Altertum, 
eine Ehre gesichert, sondern auch, nach Entstehung der modernen 
Volkstümer und Staatswesen, den Meistern des heimischen Worts. 
Sie konnten verherrlichen und verschreien, und so umwarb man 
sie, die Schmähvirtuosen fast noch mehr als die Enkomiasten. 
Das Maß von persönlicher Dichterwürde hing also an dem Maß 
von Macht und Geltung die jeweils der schönen gebildeten Rede 
selbst zukam. 

Auch hier lag es in Deutschland, besonders seit der Reformation, 
anders als in Frankreich und Italien. Nie hat hier das Schönreden 
an sich so viel gegolten wie jenseits der Alpen und des Rheins, und 



Martin Opitz. 15 

der deutsche Ruhm sogar der Humanisten gah mehr ihrer Gelehr- 
samkeit als ihrer Beredtsamkeit. Auch das änderte sich, seit Luther 
die Rechtfertigung vor Gott in die Mitte aller Sorgen stellte und damit 
die der Scholastik kaum entwichenen Rede- und Wissenskünste 
wiederum unter ein theologisches Joch zwang. Freilich Poetae 
gab es nun einmal auch in Deutschland, wenngleich nicht so be- 
nötigt und gefürchtet, drum auch nicht so gewürdigt wie in den 
redefreudigeren Ländern . . sie mußten unterkommen als Schul- 
meister im Dienst des Pfarrhauses oder als Helfer an den Höfen 
und Kanzleien. Diesen Zustand fand Opitz vor: durchschnittliche 
Geringschätzung der bloßen Redekünstler in Deutschland und 
Hochschätzung der nationalen oder höfischen Dichter im Aus- 
land, Ansätze oder Überbleibsel der europäischen Renaissance- 
gesinnung an einzelnen deutschen Höfen, Verlangen nach rede- 
gewandten Dekoratören der vornehmen Geselligkeit und einen 
großen Bedarf der Schulen nach redegewandter Gelahrtheit im 
Dienst der Theologie, mit der Methode des Humanismus. In diesen 
Zustand traf er mit starkem Ehrgeiz, der aus dem Gefühl der Fähig- 
keit kam. Er verglich die Stellung der armen deutschen Schul- 
meisterpoeten mit dem fast fürstlichen Ansehen eines Sannazaro, 
Ronsard oder Heinsius, und er strebte nach einer solchen Würde: 
sie zu erringen ward seine persönliche Aufgabe. 

Zugleich sah er daß der Weg nicht mehr die Neulateinerei 
sein könne, womit noch vor ein bis zwei Merischenaltern Staat zu 
machen war. Hier traf sein eigner Ehrgeiz zusammen mit der 
geistigen Gesamttendenz die bei ihrem Weg durch Europa über 
Italien, Spanien, Frankreich, England, Holland, Polen jetzt nach 
Deutschland kam und sich gleichsam geeignete Werkführer suchte : 
die Nationalisierung des Humanismus. Im selben Maß wie die 
ökumenischen Bindungen des Mittelalters, Reich und Kirche, 
sich lockerten (außerstande den allmählich erstarkenden Sinn der 
neuen Völker für die Erdengüter, -grenzen und -kräfte noch fest- 
zuhalten), im selben Maß wie der Wettkampf der erwachten Völker 
und Personen um den Besitz der neu gesehenen, eroberten, er- 
weiterten, sinnlich gewichtiger und wertvoller gewordenen Erde 
wuchs, im selben Maß wie die Mittel dieses Wettkampfes sich aus- 
bildeten und verselbständigten, nämlich die modernen Staaten: 



16 Friedrich Gundolf. 

in demselben Maß stieg auch das Bedürfnis nach dem besonderen 
Ausdruck des jeweiligen Volks- oder Staatsgeists als Sprache, und 
die allgemeine Weltbildung färbte sich national und individuell. 
Unter der Scheinhülle von Weltordnungen entwickelte sich das 
rege Gewimmel der Besonderheiten. Die Entdeckungen hatten 
das geschlossene Weltbild gesprengt, die Landeskirchen die 
Katholik, die Staatshoheiten das Reich zur Fiktion entkräftet, lauter 
Zeichen für die Vermenschlichung der Gotteswelt oder die Verwelt- 
lichung des Menschen, je nachdem man den Vorgang von den ewigen 
Ideen oder von den zeitlichen Erscheinungen her betrachtet, mehr 
die Reformation oder mehr die Renaissance dabei am Werk sieht. 
Auch die Stimme der mittelalterlichenWeltordnungen wandelte sich : 
das Latein. In Italien zuerst wurde es aus einer ökumenischen 
Reichs- und Kirchensprache eine nationale Bildungssprache: 
als solche hob sie eine verführerische Vorzeit, die menschliche 
Antike, woran die neuen Kräfte sich zu Bewußtsein und Ausdruck 
erst erzogen. Durch den Anschauungsstoff den das Humanisten- 
latein, ein ursprünglich italienisches Erwachen, vermittelte wurde 
es eine gemeineuropäische Anregung (nicht mehr wie das schola- 
stische Latein Bindung oder Ordnung). Am neuen Latein lernten 
die neuen Völker sich selbst erkennen und verkünden. Der erste 
große Humanist Petrarca gibt das europäische Signal zu allen 
nationalen Beredtsamkeiten. Er selbst fühlte sich als italienischen 
Nachfahren der Weltitaliener, der Römer; für das vom wieder- 
entdeckten Latein bezauberte Ausland war er der Träger zugleich 
der europäisch klassischen und der italienisch modischen Bildung. 
Das klassisch Europäische war errungen, das Nationale rang nach 
ebenbürtigem Ausdruck: die Bildungsaufgabe war die Vereinigung 
beider, von Petrarca zuerst gelöst, als dem sprachlich nächsten. 

Unter den großen Völkern Europas hat das deutsche am längsten 
das Nebeneinander beider Gesetze ertragen, weil es nach Gestalt 
seines Wesens in geformter Rede am wenigsten verlangte, und weil 
seit Luther die innerlichen Fragen die Formforderungen verdrängt 
hatten. Die Verschmelzung des europäischen und des nationalen 
Gehalts war auch ein Formproblem . . es hatte zwei besondere 
Seiten: es galt einmal die antike Bild er weit auszugleichen mit 
der christHchen oder mit der volkstümlichen, und sodann die 



Martin Opitz. 17 

antiken Sprachüberlieferungen, zumal die rhythmischen, mit den 
modernen Sprechgewohnheiten oder -möghchkeiten. Bei den 
Romanen und sogar den Briten (kurz, etwa im europäischen 
Bereich des Imperiums) war die Formung tiefster Seelendrang, und 
nicht die flachen und spielerischen Geister haben jenem Ausgleich 
sich gewidmet ; Italiens größter Formgeist ist auch sein rehgiösester, 
im klassischen Frankreich sind die großen Frommen Pascal und 
Bossuet zugleich die Former, der Allverschmelzer Shakespeare 
ist nicht nur der spannungsreichste, sondern auch der gestaltigste 
Mensch. Überall war es eine Sache der Leidenschaft und der 
Religion, grade auch Erde und Zeit in Bild undWort, d. h. in Mythos, 
zu bannen und das Jenseits schon hier und nun zu fassen. Nur in 
Deutschland ertrug man es, Seelenheil, Gottesreich und Körperwelt 
neben- oder gar auseinanderlaufen zu lassen. Man hat diese Not 
als Tugend der ,, Tiefe" gerühmt gegenüber der romanischen 
,, Oberflächlichkeit". Sie hat die deutsche Bildung verzögert 
innerhalb der europäischen, welche eben die Einverleibung 
christlichen, antiken und nationalen Gehalts will und nicht nur 
ihre Auseinandersetzung: darin freilich haben wir Deutsche 
es am weitesten gebracht. Aus Tiefe haben wir immer wieder 
von vorn angefangen, ohne daseinsfreudige Tradition, und als uns 
spät der Bildungseiniger Goethe erschien, nach tiefen ,, Aus- 
einandersetzern" wie Luther und Kant oder erhabenen Über- 
schwingern wie Bach, da waren Volk und Geist einander schon 
fremd geworden, und die Führer blieben ,, exzentrisch". 

Diese doppelseitige Bildungsaufgabe selbst aber hat sich jedem 
wacheren Deutschen gestellt, als der erste lutherische Furor aus- 
getobt hatte und die humanistischen Wünsche wieder empor- 
tauchten (nicht ohne Anhauch der inzwischen vollerblühten klassi- 
zistisch nationalen Nachbarliteraturen) . Da traf sie zur fruchtbaren 
Stunde auf den durch seine persönlichen Anlagen und Bedürfnisse 
geeigneten Werkführer: Opitz. Den Humanismus eindeutschen 
konnte nur ein Mann mit dem persönlichen Ehrgeiz neuer Bahn 
und neuen Berufs, mit Gelehrsamkeit, Sprachgewalt und Sprachen- 
kunde, mit deutschem Vaterlandssinn, mit einem Übergewicht 
des Humanismus über die Theologie. Nur in Opitz sind damals 
all diese Eigenschaften vereinigt, und darum gelang ihm die Re- 

Guudolf, Martin Opitz. 2 



18 Friedrich Gundolf. 

form die manche Vorläufer von einzelnen Seiten her versuchten. 
Wir wollen die w^ichtigeren kurz betrachten, um deutlicher zu sehen 
was Opitz vollbrachte, und warum gerade er. Die metrische 
Neuerung, sein Hauptruhmestitel, ist eben nicht nur eine isolierte 
Schulmeisterschrulle, sondern das faßbare Zeichen für die ver- 
änderte Sprachgesinnung überhaupt, und in der Sprache kon- 
zentrierte sich die Bildung. 

Paul Rebhun schrieb noch mitten in der Lutherzeit 1535 in 
seinem Schuldrama Susanna deutsche Trochäen und Jamben 
mit regelmäßigem Wechsel von Hebung und Senkung, nicht um 
die deutsche Poesie zu erneuern, sondern um den Schulvortrag mit 
frischerlernten Kenntnissen aufzuputzen: das war im Geist Me- 
lanchthons, dem daran lag daß die protestantische Schule etwas 
von humanistischer Gelehrsamkeit profitiere. Albert Ölinger stellte 
1574 in seiner Grammatica den Unterschied zwischen germanischer 
und klassischer Prosodie fest, aber lediglich als gelehrter Antiquar, 
ohne gesetzgeberischen Anspruch. Johann Clajus zeigt 1578 als 
wissenschaftliche Tatsache, nicht als dichterische Forderung, daß 
die deutschen Verse die Quantität messen, nicht die Silben zählen, 
daß bei ihnen Hebung und Senkung den Akzent bestimmt statt 
Länge und Kürze. Clajus verlangt die Übereinstimmung von 
Wortton und Verston, nicht um die deutsche Metrik als Poet um- 
zugestalten, sondern um den rechten Sprachgebrauch als Gramma- 
tiker durchzusetzen. Er war Theoretiker ohne jede deutsche 
Sprachgewalt. An diesem Mangel scheiterten auch Melissus Schede 
und Petrus Denaisius, geschickte Neulateiner, die zu französischen 
Melodien und neuklassizistischen Metren deutsche Verse stoppelten. 
Sie konnten zu wenig Deutsch und verkannten als Poeten gerade 
das deutsche Versgesetz worauf Claj als Gelehrter hinwies. Während 
Claj der deutschen Dichtung helfen will, indem er aus einem Ge- 
brauch ein Gesetz ableitet, wollen Schede und Denaisius ihr ein 
fremdes Gesetz auflegen. In beiden Fällen mangelt die praktische 
Kraft. Dasselbe gilt wohl von der verlorenen Poetik und Poesie 
des Ernst Schwabe von der Heyde, den Opitz unter seinen Vor- 
gängern erwähnt. Dagegen ist Kaspar Scheidts Lob des Meyen 
ein mit großer Sprachkraft, aber nur als vereinzelte Spielerei ohne 
Folge und Anspruch unternommener Versuch die romanischen 



Martin Opitz. 19 

Vers- und Reimwirkungen auch einmal in deutscher Sprache nach- 
zubilden, ähnlich wie sein Schüler Fischart Hexameter aus über- 
mütiger Laune gedrechselt hat, zum Zeichen seiner Allgewandtheit: 
doch konnten solche als Kunststücke gemeinten Einzelsprünge 
versgewandter Virtuosen die Richtung nicht bestimmen und das 
Niveau nicht ändern, so wenig wie die unzulänglichen Mühsale 
vorwegnehmender oder ahnungsvoller Theoretiker. 

Diese Poeten wagten sich voreilig in ein noch nicht tragfähiges 
Übersetzungsdeutsch hinaus, ehe die deutsche Populärüberlieferung 
schon abgetan war. Ein anderer Vorläufer, Theobald Hock, 
haftete noch zu fest im Alten. Sein ,, Schönes Blumenfeld" (1601) 
enthält halb lyrisch ausbrechende, halb lehrhaft mahnende Er- 
fahrungsgedichte eines durch Liebe, Ehrgeiz und Heimatssinn 
heftig bewegten Weltmanns, den der Südwind am Böhmischen 
Hof der Rosenberge angeweht hatte. Auch er suchte, durch Reisen 
und Hofleben angeregt, neue Steigerungen der deutschen Sprache . . 
festere Form, größere Korrektheit (Warumb sollen wir denn unser 
Teutsche Sprachen In gwisse Form und Gsatz nit auch mögen 
machen Und teutsches Carmen schreiben), klassische Kenntnisse 
und Künste, doch nicht aus selbstverständlichem Bildungstrieb, 
sondernnur, um die deutsche Sprache zu üben, da sie ,, viel schwerer" 
sei als die anderen: er ist vor allem Patriot bis zur Altertümelei. 
Sein Sprachgefühl ist eher Hans Sachsisch als Opitzisch. Schede 
denkt lateinisch und dichtet deutsch , so wie heute etwa ein 
Philologe lateinische Verse macht. Hock steht in einer deutschen 
Tradition vom Minnesang her, doch sie genügte ihm nicht, sie war 
ihm wie ein altes Kleid zugleich unbehaghch und schlampig, 
und da er kein neues fand, so flickte er es mit Stücken aus der 
Renaissancewerkstatt . . ähnlich wie Ayrer gleichzeitig die ver- 
schlissene Fastnachtsdramatik aus der Schule des Hans Sachs 
mit dem modischen Kulissenprunk aus England aufbesserte. Schede 
entspricht etwa dem Herzog Heinrich Julius von Braunschweig, 
der die englischen Komödianten frischweg nachmacht, ohne eine 
deutsche Vers- und Mimentradition hinter sich. 

Solche Nichtmehrleute und Nochnichtleute bezeichnen den 
Übergang, wenn ein Gesamtstil erstarrt, oder ehe die neue Form 
fertig ist — Zeiten der unfruchtbaren Sonderlinge, der unverarbei- 

2* 



20 Friedrich Gundolf. 

teten Anregungen, der merkwürdigen Versuche, der ahnungs- 
voUenVorklänge und der romantischen Abklänge. Es ist der Bereich 
worin das ,, Volkslied" gedeiht, nicht als Ausdruck der dumpfen 
Menge, sondern als Stimme einzelner Ausgestoßener, standlich 
Herabgekommener oder geistig Emporgedrungener, die tiefer 
leiden und freier sehen als die sicher in Masse oder Kaste Gehegten 
— nur sie verlangen nach Liedern der sich sondernden Seele, und 
dies Erwachen der Stimme aus dem stummen Gemeinwesen 
greift uns in den besten Volksliedern ans Herz- Manches aus 
Hocks ,, Blumenfeld" klingt volksliedhaft: wie die namenlosen 
Verfasser solcher Klagen ist er ein unbefriedigter Einzelner zwischen 
Rittertum und Bürgertum, zwischen fester Gesinnung und un- 
ruhigem Wittern, ohne stilschöpferisches Genie und ohne stil- 
fühligen Geschmack. Das Hofwesen, das , ,Galänisieren" ist diesem 
geborenen und entwurzelten Bürger Problem, Anlaß gesteigerter 
Aufmerksamkeit . . seine kräftigsten Verse kommen aus dem Zwist 
zwischen Lieb- oder Wertgefühl und falschem Welttreiben. Er 
nimmt unwillkürhch die Töne wieder auf die aus ähnhchen Span- 
nungen kamen, die verwahrlosten oder abgeklapperten Kunst- 
strophen des ausgehenden Minnesangs, mit einem eigenen Strophen- 
fall des halb unmutigen, halb abgeklärten Verzichts. Er fühlt 
nimmer kollektiv, doch bricht sein Gefühl kaum zu neuer Sprache 
durch, und meist biegt er es zur Lehre für die andern ab — er nennt 
seine Gedichte Satiren. Streben nach Ansehen bei Hof, und Sirm 
für deutsche Art und Kunst kam ihm wie dem Opitz durch die 
Renaissancebildung zum problematischen Bewußtsein. Mit seinem 
Geschmack ist er eher ein Nachzügler der Rüge- und Minne- 
dichter als ein eigentlicher Gelehrtenpoet. Wie Frauenlob etwa 
ein verbürgerter Ritter, ist Hock ein ver höflichter Bürger. Der 
Zwiespalt der Schichten in einer empfänglichen Person zeitigte 
ähnlichen Ausdruck. Der Stil den Hock vergebens sucht, weil er 
sich in seiner Zeit nicht zu Hause fühlt, ist weniger der gelehrte Stil 
eines Opitz als der volkstümlich adlige eines Walther. Der Reiz 
seiner Sonderart ist die Romantik des Zuspät, nicht des Zufrüh, 
zu spät für den Minnesang, für das Volkslied, zu spät überhaupt 
für weltlichen Herzensgesang. Und eben Hocks klassizistische 
Adern zeigen nur daß es zu spät war und weshalb: der Verstand 



Martin Opitz. 21 

war bereits zu gesondert um natürliches Stilwachstum zu ge- 
statten, noch nicht sicher genug um künstliche Formen regel- 
und musterhaft zu wählen. Die Zweck- und Zierpoeterei war 
,,an der Zeit", und die Sprache der lebendigen Seele versickerte 
in der dörrenden Kruste von Gelehrtheit und Pomp. 

Zu wirklicher Macht gelangte die Tendenz die in Opitz gipfelte 
zuerst in Weckherlin und Tobias Huebner. Beide kamen aus 
ähnlichen Standesbedingungen und Geistesbedürfnissen auf ähn- 
liche Wege wie Opitz, der eine als genialischer Praktiker, der andere 
als Experimentator. 

■ Weckherlin (1584— 1653), ein gebürtiger Stuttgarter, verdiente 
seinen Unterhalt als studierter Begleiter oder Sekretär adliger 
Gönner, als Hofdichter mit politischen Aufgaben (erst in Stuttgart, 
dann in London). Seine späteren Verse zeigen ihn als eifrigen 
Parteigänger und Verherrlicher der protestantischen Fürsten. Er 
feierte Hoffeste, Hochzeiten, Todesfälle . . Eigenschaften und 
Taten hoher Herren und Reize wirklicher oder erdachter Huldinnen, 
zumal seiner Frau, einer Engländerin, mit Sagen- und Geschichts- 
vergleichen, Antithesenspiel und sinnreichen Spitzen. Auch er 
nahm sich als den Horaz oder Ovid eines augustischen und mäzena- 
tischen Glanzes und als deutschen Mitwerber gepriesener Welscher. 
Mehr Höfling und weniger Gelehrter als Opitz suchte er mehr 
Sinnenpracht als klassische Richtigkeit und Wissenschaft, mehr 
neue Reize und Wirkungen als Regeln und Muster. Gesetzgeber 
hat er sich nicht gefühlt. Seine Erstlinge erschienen gleich- 
zeitig mit denen Opitzens, doch ganz unbeeinflußt, später hat 
■hm das Buch von der Teutschen Poeterey Eindruck gemacht, 
doch hat er sich der strengen Satzung nie unterworfen . . die jam- 
bische und trochäische Verstechnik lehnte er als undeutsch ab 
und ließ sie nur als sprachschmeidigende Übung allenfalls gelten. 
Weckherlin war ein gebildeter Naturbursch . . die Jj ausländischen 
Zierate nahm er, weil und wann sie ihm gefielen und die Un- 
geschlachtheit verhöflichten . . grundsätzliche Neuerung des Ge- 
brauchs lag ihm fern. Da er vom Hof leben wollte und die damaligen 
Höfe mehr von den fremden Sprechkünsten! hielten als von den 
deutschen Knittelversen, mußteer sich anpassen, und er konnte es. 
Doch kommt er — anders als Opitz — noch aus der deutschen 



22 Friedrich Gundolf. 

Knittelverstradition und hat sie niemals ganz verleugnet; immer 
wieder durchbricht die dynamische Rhythmik bei ihm die statische 
Metrik. Seine Annäherungen an Opitz, seine Entfernungen vom 
Knittelvers kommen aus der Praxis von Ohr und Zunge, nicht aus 
Grundsatz. Weckherlin geriet aus dem Verlangen nach einem 
deutschen Stil nuovo, der eine Hofmode geworden war, durch 
Rom- und Parisfahrer eingeschleppt, etwa dahin, wohin Opitz, 
freilich auch er zeitbedingt, durch das Grübeln über den Ausgleich 
zwischen klassizistischem und deutschem Versgebrauch gelangt 
war. Opitz ist mehr noch Schuldichter als Hofdichter . . seine 
Gönner wollten nicht nur sinnlich geschmeichelt sein, sondern auch 
geistig unterrichtet und aufgeklärt nach den Regeln der Kunst . . 
er mußte nicht nur pompösen Hofleuten bei einmaligen Festen 
schön und voll ins Ohr fallen, sie mit alten Prunknamen andröhnen 
und einlullen, sondern auch gestrengen Schul- und Ratsherren 
bei der Nachprüfung im Studierzimmer noch etwas für den Ver- 
stand bieten. Weckherlin dient mehr der Zier, Opitz mehr der 
Lehre. Opitz, ein Gelehrter von Rang und Anspruch, knüpft 
weniger an bestimmte Anlässe an: seine freischwebende Lehr- 
poesie widmet er oft erst nachträglich den zufälligen Gönnern- 
Weckherlin ist durchaus Gelegenheitsdichter, und nur als solcher 
kam er zu Ruf, weil er statt des ungeschlachten Gereimes feineren 
Ton, farbigere Einfälle, prächtigeren Ausdruck brachte. Opitz 
kommt her vom ,, Museum" des viellesenden Humanisten, Weck- 
herlin von geselligen Stätten. Beide treffen in eine Zeit, da Markt 
und Straße keine gültige Stimme mehr hatte, sondern nur der Hof, 
die Schul- und Ratsstube . . doch der Ahn Weckherlins ist Hans 
Sachs, der Ahn des Opitz etwa Eobanus. Drum ist Weckherlin 
nach Ablauf der Gelehrtenpoesie von der Romantik und der ihr 
entsprossenen Germanistik um seiner Reste von Hans Sachsischer 
Stegreiffrische dem durchrationalisirten Opitz vorgezogen worden. 
Seit man Lebendigkeit statt Vernünftigkeit wollte, seit Herder, 
wuchs sein Ansehen, das dem des Opitz weichen mußte, als man 
allanwendbare Regelrichtigkeit statt einmaliger Wirkung verlangte. 
Weckherlin schwankt noch zwischen metrischem und rhyth- 
mischem Vers: er gibt sich noch keine Mühe Versakzent und 
Wortakzent zu decken, weil er mündlichen Vortrag imd musi- 



Martin Opitz. 23 

kaiische Begleitung im Ohr hat, und nur der rhythmische Brauch 
der regelmäßigen Hebungszahl, nicht das metrische Gesetz regel- 
mäßiger Abwechslung lag ihm im Blut . . wie ja auch die vor- 
opitzische Regel, daß nie mehr als zwei Senkungen sich zwischen 
zwei Hebungen schieben durften, nie mehr als drei Hebungen 
aneinanderstoßen, nicht vom Verstand, sondern vom Gefühl der 
Lunge und Zunge gegeben war. Erst die gelehrten Kenner antiker 
Metrik zählten nach, weil bei ihnen das Wissen dem Sprechen, 
der Sprachgebärde vorausging. Wie sehr Weckherlin mündlich 
dichtete, aus festlichem Gemenge und Getön heraus, zeigt seine 
,,Drunckenheit" — ein Stegreifsang für einen Kreis von Zechern 
mit ihren Liebsten. Hier besingt, nein ersingt der Poet einen 
Rausch, vom festlichen Vorschmack und leichten Schwips über die 
allmähliche Benebelung bis zur unflätigen Besoffenheit. Der 
Körper spricht hier mit allen Poren und Gliedern: der Rausch 
erzeugt die lauten Verse, und die Verse rollen den Sänger tiefer 
in den Rausch hinein, das geistige Element Sprache wirkt als sinn- 
licher Reiz, der Wein, das Schmausen und Küssen schafft die 
Worte, so daß man leiblichen Zustand und seelischen Ausdruck, 
ja Ausbruch nicht mehr sondert — zuletzt ein Sprechen und Brechen 
in einem. 

i Weckherlin ist kein reicher Geist, keine besonders hohe Seele, 
kaum ein so kluger Kopf wie Opitz, aber ein saft- und kraftvoller 
Sprecher. An Temperament übertrifft er den Schlesier, dessen 
Bildungskreis weiter ist. Aus dem Temperament, nicht nur aus 
rednerischer Spitzfindigkeit und gelehrter Anspielungssucht, kom- 
men Weckherlins Worthäufungen, wie seine Strophenwülste und 
Reimgewinde. Er überrennt den Hörer mit seiner dichten Rotte 
von Worten, mehr durch die Stoßkraft seiner Töne als seiner Ge- 
danken. Man meint, er müsse rascher, lauter, ungestümer ge- 
sprochen haben als Opitz, dringlicher und herzhafter, ohne daß 
seine Aussage selbst gescheiter oder gewichtiger wäre. Das barocke 
Mißverhältnis zwischen Stoff und Raum macht er sehr deutlich: 
er will mehr und stärker sagen als seiner geistigen Fassung ziemt 
(wie die Wülste, Knicke, Bäusche mancher Barockbauten verraten 
daß ein Unmaß von Masse in zu engen Raum gepreßt wird). 
Weckherlins Verdienst liegt in seinem Sinn für Klang- und Farben- 



24 Friedrich Gundolf. 

Wirkung der Worte und Wortgefüge: er ist der erste deutsche Poet 
seit dem Mittelalter der den Vers und seine Elemente, Tonfall, 
Reim, Sinn- und Klangverknüpfung bei großer persönlicher Frische 
mit bewußter Kunst, mit sinnlichem Raffinement behandelt hat . . 
nach halb spielerischen, halb schulmeisterischen Versuchen Fischarts 
und Schedes wird er der erste Meister des deutschen Sonetts, der 
stärkste Ahnherr Platens. Da es ihm an eigentlichem Seelen- und 
Weltgehalt fehlte, kam er freilich über Kunsthandwerk und köst- 
liches Wortgewerbe nicht hinaus . . doch die deutsche Sprache hat 
er geschmeidigt, bereichert, gefärbt und gestrafft. 

An Sprachkunst und Frische tief unter Weckherlin, an Gelehrten- 
sorgfalt ihm überlegen und Opitz verwandt ist Tobias Huebner 
(1577— 1636). Als Kammerrat und Prinzenerzieher zugleich Höf- 
ling und Schulmann, verband er die Aufgaben und Bedürfnisse 
Weckherlins mit denen des Opitz: das höfische Schmuclro'esen 
und das neusprachliche Lehrwesen. Während Weckherlin die 
Italien, Frankreich, England, Holland gemeinsamen Vers-Tendenzen 
auf sich wirken ließ und Opitz darüber hinaus noch unmittelbar 
an den Alten sich schulte, folgte Huebner wesentlich der fran- 
zösischen Metrik: er hat den Vers der auf anderthalb Jahrhunderte 
die deutsche Poeterei kennzeichnen sollte zuerst maßgebend im 
Deutschen angewandt: den Alexandriner. 

Durch seine Bartas-übersetzung von i6ig galt er sich selbst als 
Neuerer, seinen Zeitgenossen als Wegweiser des Gesetzgebers 
Opitz. Noch Neumark rühmt ihm nach, er habe eine Meister- 
probe getan, die viele, unbekannt mit der ,,Füglichkeit" deutscher 
Sprache, für unmöglich gehalten. Er begnügte sich zwar mit der 
Deckung von Wort- und Versakzent lediglich vor der Zäsur und 
beim Reim, doch die Bahn zum regelrechten Alexandriner war 
gebrochen. Huebner hatte sein Gewicht zugleich als Vertreter 
des ersten deutschen Vereins zur Pflege der reinen Sprache und 
Schrift: des Palmenordens oder der Fruchtbringenden Gesellschaft. 
Sie ist 1617 von etlichen hohen Herren nach dem Muster der 
Academia della Crusca gegründet worden. In Italien, wo die 
feinere Geselligkeit des neuen Europa sich zuerst formte, hatte 
auch die Zusammenkunft gleichstrebender Geister zu Bildungs- 
zwecken sich mit Bräuchen und Formeln gegliedert, worin sich 



Martin Opitz. 25 

platonische Akademie, mittelalterlicher Orden und vergeistigte 
Zunftstube mischten- Der Dienst am einheitlichen Geist (ob ver- 
körpert in einem Meister oder Fluidum eines Zirkels), die Förderung 
einer gemeinsamen Aufgabe (ob Gottesreich, Seelenheil oder Erden- 
rechte und -werte) hat noch immer feste Formen, Riten, Regeln 
des Zusammenschlusses veranlaßt, und meist werden die Mittel 
und Zeichen des Zusammenschlusses bald Selbstzweck, Spielerei 
und Zugehörigkeitsdünkel — am raschesten dort wo keine Sendung 
mehr zu erfüllen, kein echtes Geheimnis mehr zu hüten ist. Am 
wenigsten droht diese Gefahr von Eitelkeit und Betriebsamkeit 
solchen Bünden deren Grund ein ewig transzendenter ist, wie bei 
Mönchsorden, oder ein durchaus praktischer, wie bei Innungen. 
Wo der schwebende Geist sich einläßt mit weltlichen Zwecken, 
wo gar weniger eine stete Haltung und Leistung als ein wechselndes 
Reden, Wirken, Austauschen und Mitteilen verlangt wird, da 
verflüchtet sich bald der Sinn der Gründung zu leerem Betrieb 
oder Geschäft — das Los der meisten Akademien und Geist- 
vereine. Ist noch lebendige Bildung in einem Volk wach, so können 
sie immerhin Sitze einer vielleicht flachen, doch manchmal an- 
mutigen GeseUigkeit, Pflegstätten der gewandten Rede, des Witzes 
oder des Wissens bleiben, mitunter auch der Fundort oder das 
Treibhaus der mittleren Talente, denen die Sicherung der Tradition 
und des Niveaus obliegt. Zudem halten Akademien, als Mittlerinnen 
zwischen dem Geist und der genuß- oder machtsüchtigen Gesell- 
schaft, für die der Geist ein Gut unter anderen sein kann, bei dieser 
oft das unbestimmte Gefühl wach daß Sprache, Wissen, Kunst 
überhaupt ernsthaft, nötig und würdig sei. In schöpferischen 
Zeiten braucht es solcher Verbände nicht . . in massenhaften sind sie 
machtlos . . in spielerisch- vornehmen, in höfischen Bildungszeiten 
blühen sie und haben eine Pflicht. Die Academia della Crusca, 
die französische Akademie, der Palmenorden — alle sind entstanden 
aus dem Verkehr zwischen gelehrten Sprachdekoratören und hohen 
Herren mit geistigen Ansprüchen. Daraus erklärt sich, wenn nicht 
das Zeremoniell selbst (ohne das kommt kein Verein aus), so doch 
dessen Art : das Gemisch von bukolischem Getändel mit höfischer 
Gemessenheit (das sich besonders im Beinamenwesen zeigt). Die 
Mitglieder wollten zugleich Brüder in Apoll und Hofbeamte sein. 



26 Friedrich Gundolf. 

freie Künstler und besoldete Würdenträger, heimisch zugleich in 
einem Phantasiereich und in einem Reich der Ämter, Ränke und 
Geschäfte. Während aber in Italien und Frankreich der gesellige 
Geschmack sogar noch die Gelahrtheit schmeidigte, überwog in 
Deutschland die Schulmeisterei, der Bücherstaub erfüllte noch die 
Festsäle, und nicht Salon und Boudoir, sondern Kanzlei und 
Katheder gab dem Ordenswesen seinen Geruch. 

Die italienischen Sprachvereine sind ins Schrifttum hinein 
erweiterte Gesellschaftszirkel und wahren bis in ihre Spielerei den 
Ursprung aus Gespräch und Fest. Die französische Akademie 
gliedert sich um den Willen eines Herrschergeistes und wird später 
gleichsam der Regenbogen für die Königsonne, die das gesellschaft- 
liche Leben ausstrahlt und das geistige ansaugt. Der Palmen- 
orden ist die Gründung einiger adliger Nachahmer die gelernt 
haben daß zum Hof außer Wasserkünsten, Gobelins, Jagden auch 
Schauspiele, Prologe, Carmina, Widmungen gehören. Schon 
um 1600 hatte sich gerade der regeren Fürsten, denen Staats- 
geschäfte, Buhlschaften, Gastereien und Hatzen nicht genügten, 
eine geistige Unruhe bemächtigt: weder ganz heimisch in ihrem 
Volk noch ganz reif für die fremde Bildung, wollten sie vermitteln 
zwischen dem bunten Fremdstoff und der eignen Sprache. So 
suchten Heinrich Julius von Braunschweig und Moritz von Hessen 
ausländische Reize einzudeutschen mit ihrem Gestammel nach 
englischen Komödien — sie scheiterten aus Mangel einer geistigen 
Tradition und eines gesellschaftlichen Bodens. Solch einem Mangel 
abzuhelfen, verbanden sich etliche gleichbedürftige Adlige (sie 
waren inzwischen schon zahlreicher geworden) zur ,, Frucht bringen- 
den Gesellschaft". Sie stammt aus dem rührenden und ohn- 
mächtigen Verlangen von Fürsten nach feinerer exotischer Unter- 
haltung in heimischer Manier. 

Die Fürsten dilettierten und gönnerten, die Literaten sangen 
und widmeten, nicht mehr privat, sondern offiziell im Dienst 
des deutschen Schrifttums . . der hatte zwei Seiten : Förderung der 
Literaten durch Mäzene und Verherrlichung der Mäzene durch 
die Literaten — seltsame Inzucht! Diese Palmenorden, Blumen- 
orden, Elbschwanenorden und wie sie alle heißen V gaben ihren 
Mitgliedern eine Scheinsachlichkeit — man meinte nicht mehr 



Martin Opitz. 27 

Sondergewinn, wenn man sich umständlich hofierte: die Kompli- 
mente selbst galten für Künste und Zeugnisse eines „goldenen 
Zeitalters" . . sie wurden Selbstzweck. Die Erfindung neuer Lob- 
sprüche, Beinamen, Wahlsprüche, Embleme wurde das Haupt- 
geschäft der Akademien, und das Zeremoniell ihr eigentlicher 
Halt — denn im übrigen schrieb jeder nach Talent und Anlaß vor 
sich und sein Publikum hin und bekundete durch Widmungen 
seine Zugehörigkeit, durch Namen seine Eigenheit als ,, Abkratzen- 
der" oder ,, Abtreibender", , , Bedüngeter" oder ,, Austrocknender" , 
,, Enthärtender" oder ,, Fortwuchernder" usw. usw. Die närrische 
Eigenbrötelei, deren Ausschlag diese Namengebung ist, hat ver- 
hindert daß die deutschen Gesellschaften ihrer einzig möglichen 
Aufgabe genügten: der Feststellung einer reinen Sprachebene, 
einer stilistischen Grenze und Zucht. Schöpferwerke kann die 
Akademie nicht erzeugen, aber der Willkür verlaufener Sudler 
und Toren steuern, indem sie das Sprachgefühl der Gebildeten 
und den höheren Menschenverstand ihres Volks in faßliche Regeln 
gliedert. Sie könnte in der Literatur leisten was die Polizei im 
Staat und der Anstand in der Gesellschaft. In Deutschland wurde 
der wuchernde Eigensinn, die spielerische Sonderlaune, die schwer- 
fällige Kauzerei durch die Redeorden nicht beschränkt und er- 
zogen, sondern ermutigt und verstärkt. Das Haupt der Pegnitz- 
schäfer oder der Gründer der teutschgesinnten Genossenschaft, 
schnurrige Phantasiepedanten und trockene Schwärmer, waren 
nicht die Männer, um lebendigen Sprachgebrauch mit Weisheit 
zu fassen und zu führen. Sie benützten (und so taten fast alle) 
die durch Koterie und Kamaraderie gestützte Ordensautorität, um 
ihre Schrullen und Schnörkel zu fördern. Da echter Gemeingeist 
und Geselligkeit fehlte, so konnten nur Fratzen einer , .Gesellschaft" 
entstehen. 

Was an Sprachzuwachs, glücklichen Eindeutschungen, neuer 
Schmiegsamkeit erreicht wurde ist das persönliche Verdienst 
Einzelner, ohne oder gegen die Orden. Die Kluft zwischen dem 
Volk und den Belesenen freilich (die Voraussetzung ihres Daseins) 
haben sie erweitert, die deutschen Hof- und Schulkreise einander 
genähert, mehr durch Mängel als durch Tugenden: die Höfe sind 
pedantischer geworden, die Schulmeister eitler. 



28 Friedrich Gundolf. 

Nicht von der Genossenschaft und den Salons, sondern aus den 
Studierstuben begabter Einzelgänger kamen die wenigen Läute- 
rungen und Maße die damals der deutschen Sprachbarbarei ent- 
gegenwirkten, und nicht als ,,Der Nutzbare" hat Opitz die Literatur 
bestimmt, sondern durch sein Buch von der teutschen Poeterey 
und seine teutschen Poemata. Gerade er hatte erst mit dem Wider- 
stand der Organisierten zu kämpfen, und erst als er trotz ihnen sich 
durchgesetzt, schmückten sie sich mit dem gefeierten Neuerer. 
Der Palmenorden ist wichtig als gesellschaftliches Anzeichen der 
Tendenz die Opitz gekrönt hat . . sie war in ihm bewußter, sicherer, 
mächtiger als in der Schar beperückter Dilettanten. 

Eine Vorstufe zum Buch von der Teutschen Poeterey ist 
Opitzens ,,Aristarchus sive de contemptu linguae teutonicae" (1618). 
Die poetische Würde des Deutsch wird hier nicht vorausgesetzt, 
sondern verteidigt. ,,Aristarchus" ist eine Werbeschrift, kein 
Gesetzbuch, deshalb lateinisch geschrieben, um die Gelehrten 
zunächst einmal anzulocken. Zugleich soll er die Dichtkunst 
überhaupt rechtfertigen wider die Zweifel der Praktiker. Solche 
Rettungen der Phantasie sind seit dem Erwachen des weltlichen 
Renaissance-sinns nötiger geworden . • die schönste ist Philip 
Sidneys ,, Defense of Poesy". Solange der Gedanke der geistigen 
Autonomie noch nicht formuliert war, konnte die Poesie nur von 
Gott oder von der Gesellschaft aus berechtigt werden: sie mußte 
heilig oder nützlich sein. Opitz spricht ihr beides zu und verficht 
dann die Eignung gerade seiner Muttersprache zu diesen Tugenden. 
Den Wert der Deutschen verbürgte bei seinen humanistischen 
Lesern schon Tacitus . . Opitz erweitert dessen Germanenlob auf 
die Sprache, die allein in der Barbarei sich rein erhalten habe . . 
doch warnt er vor ihrer Bedrohung durch welschen Schmuck 
und Wortmeng erei — sie könne aus sich kunstvolle Verse hervor- 
bringen, deutsche Petrarcas, Ronsards, Heinsius' zeitigen, wie er 
durch alte, neue und eigne deutsche Beispiele dartut. Man müsse 
nur die Metrik pflegen, das Deutsche sei jeder Feinheit und Neu- 
heit fähig von alters her. Der ,,Aristarch" ist noch halb Schulübung 
mit rednerischen Mahnfloskeln halb ernstgemeintes Programm. 
Das Ziel wird schon deutlich: deutsche Verskunst ebenbürtig der 
klassischen, italienischen und französischen. Die Mittel dazu über- 



Martin Opitz. 29 

sieht der Anfänger noch nicht, er kennt nur metrische Einzelheiten. 
Verknüpft, durchgedacht, geordnet hat er seine Kenntnisse erst 
fünf Jahre später. 

Die ,,Teutsche Poeterey" hat ihre europäischen Vorgänger. 
Sobald eine Kunst nicht mehr ursprünglicher Lebensakt ist, 
sondern bewußter Ausgleich mit überlieferter Geschichte, sobald 
sie nicht nur Gründe hat, sondern auch Zwecke, bedarf sie der 
Lehre. Aristoteles schrieb seine Poetik, als die griechische Dichtung 
aus einem ionischen, attischen, böotischen Gemeinde- und Kult- 
gewächs Weltliteratur werden sollte. Horazens Ars poetica ist 
die Auseinandersetzung römischen Gehalts mit hellenistischem 
Geschmack. Die Renaissance hatte noch eine weitere Kluft zu 
überbrücken zwischen Eigengehalt der neueren Völker und Fremd- 
formen . . die Brücken von den eigenen Sprachen zu den antiken 
Vorbildern waren eben die ,, Poetiken". Zuerst sind sie mehr 
negativ abgrenzend als positiv aufbauend, zeigen mehr was Muster 
und Regel verbieten. HieronymusVida (1520) übernimmt Horazische 
Regeln noch ohne eigentliche Anpassung. Über diesen knechtischen 
Klassizismus hinaus führt 1529 die italienisch geschriebene Poetik 
desTrissino: er kennt Dante, Petrarca, Boccaccio und denkt bereits 
über die neue Aufgabe nach, während Vida nur das alte Gesetz 
auswendig kannte. Vida und Trissino wollten nur das Versemachen 
lehren. Bei Julius Caesar Scaliger ist die Muster- und Regel- 
kunde Selbstzweck. Seine sieben Bücher der Poetik, 1561 ver- 
öffentlicht, behandeln die Weltliteratur, zumal die antike, als eine 
Vorratskammer von Merkmalen, Gattungen, Griffen und Bei- 
spielen. Das Werk ist mehr ein Kompendium als eine Anweisung. 
Scaliger ist, trotz seinem Gelehrtendünkel, weniger Gesetzgeber 
als Sammler, Vielwisser und Begriffespalter, der sein Ansehen 
vor allem seiner stofflichen Vollständigkeit verdankt: er war für 
jede Richtung brauchbar wie ein Lexikon und gewann dadurch 
auch in Geschmacksdingen ein Gewicht das ihm nicht gebührt. 
Dichtkunst ist ihm dasjenige Redehandwerk welche verschiedene 
Stoffe mannigfaltig geschmückt mitteilt, die Gleichnisschneiderei 
für Gedanken. Poetik behandelt er als die Lehre von dem Nutzen 
aller überlieferten Metren, Gleichnisse und Gattungen für den 
Verstand der Leser. Seine ,, Poetik" entstammt der Polyhistorie, 



30 Friedrich Gundolf. 

nicht der Philosophie wie die des Aristoteles oder der Kunst- 
übung wie die des Horaz, ist aber eben darum mit ihrem Riesen- 
stoff das musterhafte Handbuch des Wissens über Dichtkunst für 
die europäische Spätrenaissance geworden. 

Opitz gab keine Enzyklopädie, sondern nur eine Anweisung 
zu teutscher Poeterey: dem Scaliger entnahm er Beispiele und 
Winke — in der Anlage ging er selbständig den Weg den seine be- 
sondere Zeit und Stätte ihm wies, als Benutzer, nicht als Nach- 
treter . . mit dem entarteten Geschmack seiner Umwelt, aber mit 
dem sicheren Verstand eines überlegenen Kopfes. In acht Kapiteln 
will Opitz dem natürlichen Dichtertrieb eine deutsche ,, Ver- 
fassung" geben, und aus ,, vieler Tugend eine Kunst machen". 
Doch lehnt er ab, durch Regeln Poeten zu machen. Die Übung 
sei vor der Lehre gewesen und Poesie, laut Plato, göttliche Ein- 
gebung. Freilich ist Eingebung für ihn eine Verstandesgabe, 
keine Schöpferkraft, und die platonische Lehre macht ihn so wenig 
an den Regeln irr wie den Scaliger. Den Gebrauch der Eingebung 
dachte man sich lehrbar. Nach dieser Einleitung handelt Opitz 
im zweiten Abschnitt vom Zweck und Ursprung der Poesie; sie sei 
zuerst verborgene Theologie, ,, Unterricht von göttlichen Sachen", 
Zeichen- und Bildersprache für übersinnliche Gedanken. Das war 
ein Gemeinplatz der gesamten Renaissance- poetik, der die Dicht- 
kunst bei ihrem Wiederaufleben mit der herrschenden Wissen- 
schaft, der Gottesgelahrtheit, verknüpfen, bei ihr einschmeicheln 
und mit ihrem Glanz schmücken sollte. Poeten waren danach die 
ersten Weisheitslehrer und Erzieher, ihre Werke Zucht und Wissen- 
schaft, nicht nur Spiel und Zier: so rechtfertigte man die Poesie 
vor dem zweckesüchtigen Zeitgeist. Das dritte Kapitel enthält 
dann die Verteidigung der Poeten, als nützhcher, würdiger und 
sittlicher Mitglieder der Gesellschaft. Zur Schriftstellerei gehören 
alle anderen Künste, Wissenschaften, Tauglichkeiten, wie Beispiele 
aus den Alten zeigen müssen. Nur der Mißbrauch der Poeten zu 
niederen Gelegenheitsreimereien, die törichten Ansprüche des 
Publikums habe ihre hohe Kunst entwürdigt und in Verruf ge- 
bracht, als sei sie ein gemeines Gewerbe oder ein unnützer Zeit- 
verderb. Nach diesen Makeln muß Opitz die seit Plato geläufigen 
abwaschen: Lüge und Unsittlichkeit der Poeten. Poesie sei nicht 



Martin Opitz. 31 

nur Nachäffung des Wirklichen, sondern auch Darstellung des 
Möglichen und Wünschenswerten — Überredung, Unterricht, 
Ergötzung, und ihre Erfindungen verklären das Dasein. Hier 
versucht Opitz schon schüchtern die Nachahmungslehre mit dem 
Idealismus zu versöhnen und der Phantasie in einer Verstandes- 
welt Spielraum zu sichern. Das Mittel ist die , .Allegorie" — keine 
Lüge, sondern reizendes Gleichnis der Wahrheit — ,,Nur durch 
das Morgentor des Schönen dringst du in der Erkenntnis Land". 
Die Heidengötter, die nun einmal zum Handwerksgerät des Re- 
naissancepoeten gehören ^), gelten als Gleichnisse für Gottes 
Eigenschaften oder Werke. Hier wird ein Hauptgrund dieser 
Poetik deutlich: das Bedürfnis nach dem Ausgleich der klassi- 
zistischen Vorstellungen mit Christensitte und -glaube, die Abwehr 
der frommen Frage; ,,Was geht uns der Olymp an?" Wider die 
Pfaffen und Sittenrichter schützt die Poeten der Hinweis daß sie 
freie und selbständige Gemüter sein müßten (die einzige Stelle 
wo Opitz etwas von Autonomie der Kunst zu ahnen scheint), 
der Wein und die notwendige Kenntnis der Schriften Epikurs 
erleichtere ihren Wandel, und von Liebe müßten sie reden, weil 
dies den subtilen Verstand schärfe. Wenn man sie nicht verlästere, 
so werde die Würde deutscher Poeten bald die der Alten und 
Welschen erreichen; überall hat Opitz neben der handwerklichen 
auch die gesellschaftliche Erneuerung im Auge. Das vierte Kapitel 
kommt auf die deutsche Poeterey im besonderen. Mit gelehrtem 
Patriotismus begründet hier Opitz das alte Anrecht der Deutschen 
auf Dichterkunst und Dichterruhm, vor dem naserümpfenden 
Ausland. Freilich ohne Kenntnis der Alten führe aus der zeit- 
weiligen Barbarei kein Weg. Nach dieser Grundlegung behandeln 
Kapitel V— VHI die eigentliche Handwerkslehre; die Erfindung 
und Einteilung der ,, Dinge", Zubereitung und Zierde der , .Worte", 
also Stoff ^) und Form. ,, Erfindung" ist dem Rationalisten die Ver- 
kleidung der Gedanken, die Gattungen sind Fächer des Kleider- 

^) Tieffromme Poeten, wie Rompier von Löwenhalt, haben geradezu 
unter der Unentbehrlichkeit dieses Geräts gelitten, als unter teuflischen 
Anfechtungen. 

^) Stoff fällt ihm noch zusammen mit dem Gehalt; erst seit Welt als 
unsere, erlebte, erfahrene Welt gilt, ist die Sonderung von Stoff und Gehalt, 
von Gegenstand und Erlebnis möglich, seit Kant und der Romantik. 



32 Friedrich Gundolf. 

schranks. Auf den Spuren des Scaliger geht Opitz vorerst die 
verschiedenen Gattungen mit Mustern und Merkmalen durch, 
ohne genetische Begründung, ohne geschichtlichen Sinn, mit einem 
wahren Fetischglauben an die zeitlose Richtigkeit und Gültigkeit 
der klassischen Formen. Die Gattungen sind von den Alten ge- 
zimmert, die Neueren haben nur ihre Gegenstände in die richtigen 
Fächer zu schieben. Opitzens selbständiges Denken aus Erfahrungen 
seines deutschen Dichterhandwerks zeigt sich im vierten Kapitel ,,von 
der Zubereitung und Zier der Worte". Den Worten, als Mitteln des 
Dichters Gedanken zu zeigen, obliegt Feinheit und Reinheit in 
sich, Übereinstimmung und Sinn untereinander, Eindruck und 
Gewicht nach außen oder, mit Opitz eignen Worten: Eleganz 
oder Zierlichkeit, Komposition oder Zusammensetzung, Dignitet 
oder Ansehen. Die Eleganz tilgt alle volksüblichen oder mund- 
artlichen Kürzungen und Zusammenziehungen, wie han statt 
haben, gschach statt geschähe. Besonders gegen die Knittelverse 
wendet sich dieser Purismus. Opitz ist hier selbständig gegenüber 
seinem Muster Ronsard, der die Einführung mundartlicher Aus- 
drücke geradezu empfahl. Opitz fühlte seine andere Aufgabe : die 
französische Schriftsprache war festgestellt und konnte mit ihren 
Grenzen spielen . . Dialektworte waren ein Farbenreiz • Das Neu- 
hochdeutsche war durch Luther gehoben, aber nicht allverbindlich 
geworden, nach ihm wieder verwahrlost. Wer deutsche Sprach- 
reinheit erstrebte mußte strenger sein als der ringsum gesicherte 
Franzose. Wenn Goethe im Faust Mundartworte wieder adelte, 
war keine Gefahr der Barbarei mehr . . Opitz aber mußte erst die 
Grenzen sichern, und es ehrt seine Einsicht, daß er seines Vor- 
bilds Wink nicht blindlings übernahm. Seine andere Sorge galt 
dem Sprachgemenge, der Fremdwörterpest. Antike Eigennamen 
will er deutsch dekliniert (Jupiters, nicht Jovis), lateinische und 
griechische Doppellauter eingedeutscht haben (Eneas, Eschylus), 
kurz, alle unreinen Elemente müssen ausscheiden oder sich an- 
passen. 

Zur Eleganz gehören die neugeschaffenen, gewählten Aus- 
drücke . . ein Hauptreiz und eine Hauptpflicht der Kunstpoesie ist 
das Uneigentliche: die Dinge heißen nicht nach ihrem Wesen, 
sondern nach ihren Beziehungen und Bedeutungen, anspielend, 



Martin Opitz. 33 

verknüpfend, wobei Verstand, Gedächtnis und Gelahrtheit sich 
zeigen konnten. Ein Muster bietet das Lob des Weingottes nach 
Heinsius : 

Nachtleuffer, Hüftesohn, Hochschreyer, Lüftenspringer 
Guetgeber, Liebesfreund, Hauptbrecher, Löwenzwinger 
Hertzfänger, Hertzendieb, Mundbinder, Sinnentoll 
Geistrührer, Wackelfuß, Stadtkreischer, Allzeitvoll. 

Dies führt von der ,, Zierlichkeit" schon zur ,, Zusammensetzung" 
der Worte. Auch hier zunächst die Abwehr: zu meiden sind 
grammatische Dunkelheiten, Pleonasmen, Umstellungen, Klang- 
härten wie Häufung von Konsonanten, gleichklingenden Silben, ein- 
silbigen Worten oder vielsilbigen im männlichen Reim. Von der 
Reinheit, Erlesenheit, Klangschönheit kommt Opitz auf die Bild- 
inhalte: auf den tropis und schematibus beruhe die Dignitet . . 
hier müsse man schlicht von den Lateinern lernen nach Scaligers 
Winken. Die Beiworte müssen über ihr Hauptwort etwas Neues 
und Unterscheidendes, doch auch Bezeichnendes und Passendes 
aussagen, dürfen nicht bloße Versfüllsel sein. Doch ist sein Rationa- 
lismus noch nicht auf Ausscheidung ganzer Gehaltsbereiche als 
zu gemein oder niedrig bedacht, wie der spätere französische 
Klassizismus und sein Nachtreter Gottsched, sondern nur gegen 
Vermischung und Verwischung der Grenzen. Das siebente Kapitel 
behandelt die Reime, ihre Wörter und Arten der Gedichte und leitet 
über zur poetischen Formenlehre. Strenge Reimreinheit ist die 
erste Regel: Opitzens Ohr ist noch für Vokaltöne empfindlich die 
wir kaum mehr vernehmen, besonders in den ,,e"-Lauten. Er 
ist dem mittelhochdeutschen Vokalismus noch näher und ver- 
bietet das Reimen von mittelhochdeutsch offenem und ge- 
schlossenem e. Verpönt wird der Hiatus und das Füllsel-e am 
Ende der Hauptwörter (ein Rest aus dem Mittelhochdeutsch), 
das Endungs-e vor Vokalen des folgenden Wortes soll durch 
Apostroph ersetzt werden. Dies Schulmeisterschwänzchen ist 
ein deutliches Zeichen, daß er nicht mehr an Vortrag dachte, 
nur noch ans Lesen. Strengste Reimreinheit, mit genauen 
Einzelvorschriften, die wir hier übergehen können, hat Opitz 
als Regel gefordert, über seine eigene etwas läßlichere Übung 

Gundolf, Martin Opitz. 2 



34 Friedrich Gundolf. 

hinaus. Er hat die Grenze zwischen rein und unrein gezogen die 
bis heute gilt, mag sie auch oft überschritten worden sein, grad 
von unseren Klassikern. 

Aus Opitzens Verslehre ist, abgesehen von terminologischen 
Winken, die entscheidend neue Forderung der genaue Wechsel 
von Hebung und Senkung. Sie entspringt einem neuen, an fran- 
zösischen und holländischen Tonfällen geschulten Übersichts- 
und Gleichgewichtsbedürfnis. Das Gefühl eines seßhaften und 
bedächtigen, mehr statisch als dynamisch veranlagten Geschlechts 
hat hier seine metrische Formel gefunden: daher ihr Erfolg, der 
einer privaten Schrulle versagt geblieben wäre. Es ist der Nieder- 
schlag damaligen deutschen Sprachgefühls. Das Mißverständnis 
war nur die klassizistische Terminologie, deren Opitz glaubte sich 
bedienen zu müssen: er setzte die antike räumliche Skandierung 
von Länge und Kürze gleich mit der germanischen kraft liehen 
Unterscheidung von Tonhöhe und Tontiefe, den Wechsel von 
Hebung und Senkung mit Spondäus oder Jambus und vermischte 
damit Rhythmik und Metrik. Er verhalf der Zahl, dem Berechen- 
baren, zum Sieg über die unmeßbare Bewegung. Das gehörte 
zum Weg des Rationalismus. Opitz wollte, wie sein Zeitgeist, 
eine schärfere Kontrolle des Versflusses, ein sicheres Schema, und 
benutzte die bereits feste antike Prosodie, den Niederschlag einer 
ganz anderen Tongesinnung. Das ist eine der Verschmelzungen 
zwischen antikem und neuem Sprachgeist geworden — nur fällt 
hier die Lötstelle besonders auf. 

Gleichzeitig mit dieser Regel beginnt die Vormacht des regel- 
mäßigsten Verses: der Alexandriner wird als ,, heroisches" Maß 
eingeführt. Dabei waltet mehr holländisches als französisches 
Muster. Erst der holländische Alexandriner hat das gediegen 
breite und behäbige Gepräge das dem deutschen Gelehrten- 
geschmack entsprach . . der französische war leichter, gleitender, 
flüssiger. Nur das nette übersichtliche Gleichmaß ist ihnen ge- 
mein. ,, Heroisch", besser galant ritterlich, war der Alexandriner 
nur in Spanien und Frankreich, in den germanischen Landen wurde 
er zeremoniös oder schulmeisterlich. Der Reim war nötig als 
Schmuck und als Reiz der Schwierigkeit. Damals ward Reimen 
gleichbedeutend mit Dichten. Noch Voltaire meinte, ohne Reim 



Martin Opitz. 35 

sei Dichten keine „Kunst". Opitz zog die Alexandriner vor, weil 
sie einen Mann verlangten, ,,der sie mit lebendigen Farben heraus- 
zustreichen weiß". Die Weitläufigkeit der deutschen Sprache 
fordere einen geräumigen Vers. Dann gibt Opitz Gebrauchsan- 
weisungen, über Männlichkeit und Weiblichkeit des Alexandriners, 
über Binnenreim und Enjambement. Bei der Wichtigkeit des 
Reimens hat er auf Strophenformen und Reimverschlingungen 
besonderes Augenmerk. Für das Sonett empfiehlt er Ronsards 
Schema. Antikisierende Strophenformen will er nur zur Musik 
gelten lassen, wie Ronsard, der diese Gebilde aus einem verzückten 
Zustand erklärte. Doch hatte Opitz keinen hellenischen Hang, wie 
Ronsard, und scheute den Daktylus als Holper-Vers. 

Das Schlußkapitel der ,,Poeterey" enthält Winke zur Weiter- 
bildung der begonnenen Reform durch Begeisterte und Fleißige. 
Als Hauptmittel preist Opitz das Übersetzen aus fremden Sprachen 
und die Lehre erprobter Meister. Übersetzung und Kritik sind 
freilich das Wesen einer Kunstübung die auf Mustern und Regeln 
beruht. Zuletzt verweist er auf den Lohn des Poeten: Erfolg bei 
großen Herren und schönen Damen und unsterblicher Nachruhm. 
Doch als echter Deutscher vergißt Opitz auch die stillen Geistes- 
freuden nicht, ,,wenn wir der Poeterey halben so viel Bücher durch- 
suchen, wenn wir die Meinungen der Weisen erkündigen, unser 
Gemüt wider die Zufälle des Lebens aushärten und alle Künste 
und Wissenschaften durchwandern". Für Nutz und Ehr des Poeten 
zitiert er die Alten und Welschen; den Selbstwert des Dichtens 
schöpft er ohne Gewährsmänner aus seiner eigen deutschen Ge- 
sinnung. 

Wie jedes rechte Gesetzbuch ist das des Opitz zugleich bewußte 
Auswahl bisherigen Gebrauchs und Forderung eines künftigen. 
Er entfernt sich nie zu weit vom Sprachgefühl seines damaligen 
Volks und will es veredeln durch Zuwachs des Bewährtesten was er 
aus der Geschichte kannte. Dabei übte er Willkür aus Verkennung 
der geschichtlichen Gründe für die verschiedenen Formen, durch 
Übertragung fremden Geschmacks. Begeistert für seine Aufgabe, 
durchdrungen von ihrer Notwendigkeit, mit sachlichem Eifer und 
persönlichem Ehrgeiz, übernahm er von Vorgängern — besonders 
Scaliger und Ronsard — Kenntnisse und Grundsätze, und die 



36 Friedrich Gundolf. 

Sprüche der Alten bald als Orakel, bald als Zierat: doch alles ist 
selbständig ausgewählt und zweckmäßig angeführt, der deutschen 
Sachlage angepaßt, klar, leicht, überlegen bis zur Ironie und trotz 
schulmeisterlichem Zeitton lebhaft, beinahe jugendHch . . das be- 
deutende Zeugnis einer dürftigen Zeit, die nichts ,, Schöpferisches" 
wollte, sondern Anweisungen zum richtigen Gebrauch geistiger 
Anlagen. Das hat Opitz für die deutsche Sprache zuerst grund- 
sätzlich geleistet, und der unhistorisch gedachte Vorwurf der 
Oberflächlichkeit oder Kompilation tut ihm so unrecht wie etwa 
dem Cicero. Beide hatten Bildung nicht zu schaffen, sondern zu 
übertragen. Dazu gehört nicht Tiefe, sondern Takt, Überblick 
und Verstand. Wir erinnern an Cicero als an das berühmteste 
Beispiel eines solchen Bildungsmittlers, der mißkannt wurde 
aus einem falschen Verlangen besonders deutscher Gelehrter nach 
„Originalität". Dies Verlangen stammt noch aus der Genielehre 
Herders und war gut im Kampf gegen die Aufklärung, um echte 
Urgeister gegenüber bloßen Bildungsdichtern durchzusetzen. Heute 
stehen diese Bildungsdichter keinem Homer oder Shakespeare 
mehr im Weg, üben keine Tyrannis, und man muß dem Opitz 
sein wirkliches Verdienst nicht schmälern, indem man von ihm 
Einsichten erwartet zu denen erst Herder reifte. Was seiner Zeit 
nötig und möglich war hat er verwirklicht: nach schlaffer Ver- 
wilderung ohne Fülle eine gewisse Zucht und Würde. Kraft und 
Schönheit lassen sich nicht rufen. Doch aus einem Bildungs- 
wirrwarr Muster und Ansprüche holen, den Sinn für Farben- und 
Formfeinheiten wenigstens wecken, für sprachliche Gediegenheit, 
den Anschluß des krausen Deutsch an den europäischen Geist 
wenigstens versuchen : das war auch etwas, und vier Menschenalter 
haben es Opitz gedankt, wie wir noch heute Lessing danken, daß 
er uns den Sinn geschärft für Maße, Zwecke, Grenzen, Gründe, 
auch wo seine Maße und Zwecke uns fremd, seine Gründe irrig, 
seine Grenzen zu eng sind. 

Keine zweite Schrift der deutschen Literatur, die sich nur an 
den Verstand wendet, hat so eindringlich und nachhaltig gewirkt 
wie das Buch von der teutschen Poeterey. Die deutsche Alexan- 
drinerpoesie bis in Goethes Jugenddramen hinein wird davon 
beherrscht, alle deutsche Kunsttheorie bis Lessing einschließlich 



Martin Opitz. 37 

davon bedingt. Erst Klopstock und Herder haben den Bann ge- 
brochen. Freilich war nie vor und nachher in Deutschland eine 
solche Bereitschaft für Regeln, ein solcher Fetischglaube an Er- 
lernbarkeit und Erkennbarkeit, ein solcher Hang zu gelehrter 
Züchtung alles Tuns wie damals. Vorher war der deutsche Geist 
zu dumpf, bunt und knorrig, um sich einem Verstandesgesetzgeber 
zu unterwerfen, später zu kritisch, zu flüssig, zu tief oder viel- 
fältig. Schon Gottsched hatte keine so allgemeine und nachhaltige 
Geltung wie Opitz, und Lessing wollte befreien, nicht meistern. 
Solange der Verstand die führende und fesselnde Macht deutschen 
Wesens blieb, etwa von 1630— 1750, blieb das Buch das die Poesie 
ordnete notwendig und gewichtig. Opitz fand nur Ergänzer, keine 
Überholer, bis andere Seelenkräfte den Verstand entthronten. 
Freilich war er klug genug nur die Formen zu regeln, nicht auch 
den Gehalt und den Stoff. Das Treiben der Volksliteratur, der 
Erzähler und Komödianten war ihm gleichgültig, nur auf die 
Sittigung der gebildeten und gelehrten Poesie kam es ihm an, nur die 
Führerschicht wollte er belehren. Gottsched wollte alles Schrifttum 
seinem engen Geschmack anpassen: er ließ den unteren Bedürf- 
nissen keinen Spielraum und Ausweg . . daran ist er gescheitert 
mit seinem Kampf gegen viele Fronten, gegen den schlesischen 
Schwulst und die sächsische Natürlichkeit, gegen den Hanswurst 
und die schweizerischen Engel oder Teufel, gegen Shakespeare 
und Milton. Opitz sprach nur vom Wie, nicht vom Was des 
Sagens. 

Sein Buch fand kaum offnen Widerspruch. Einige wahrten 
sich murrend die Freiheit wider die strikte Observanz, wie Huebner 
und Werder: doch auch sie sahen ängstlich ihre Verse nach dem 
neuen Gesetz durch. Huebner wollte seine Priorität sichern. Nur 
aus Elsaß und Schwaben kamen eigenbrödlerische Vorbehalte, 
wie von Valentin Andreae und Weckherlin, später noch von 
Rompier, weniger aus persönlicher Rivalität als aus süddeutschem 
Sprachgefühl. Opitz' Poesieverfassung bedrohte den süddeutschen 
Sondergeist — er ist in manchem ein Vorbereiter Bismarcks und 
erfuhr Widerspruch aus ähnlichen Instinkten. Seine Höflichkeit und 
Anmut trug viel dazu bei, seine Herrschaft einzuschmeicheln: er 
war kein Bakelschwinger wie Gottsched. Vor seiner Person machten 



38 Friedrich Gundolf. 

alle Widersprüche der Eitelkeit, der Richtung oder der Landschaft 
halt. Auch hatte er durch seine eignen „richtigen" Poesien seine 
Forderungen gestützt und bewährt. Er ward „princeps poetarum 
Germaniae", „saeculi omamentum" — vor allem aber anerkannter 
Begründer einer neuen Zeit deutscher Dichtkunst, der nach Zink- 
grefs Wort „,das Eis gebrochen und den neu ankommenden 
Göttinnen die Furt mitten durch den ungestümen Strom mensch- 
licher Urteil vorgebahnet". Opitz selbst ist der erste selbstbewußte 
„Bahnbrecher" mit dem Beginnerstolz in unserer Literatur: ,,Ich 
will die Pierinnen / Die nie nach deutscher Art noch haben reden 
köimen / Versetzen bis hier in unser Vaterland." Daß Opitz selbst 
den süddeutschen Widerstand besiegte liegt nicht, wie man ge- 
meint hat, an der Verkümmerung des Geistes in den rekatholisierten 
Gebieten oder dem Mangel an Talenten — Weckherlin konnte sich 
mit Opitz messen — , sondern an dem Zug der Zeit zur Rationali- 
sierung, den Opitz besser begriff, führte und organisierte als die 
Süddeutschen. Diesem Zug folgten nun zahllose Fortsetzer und 
Schüler des Schlesiers. Poetiken wurden fast so häufig und wichtig 
wie die Poesien, daß man kaum weiß wo die Poetiken das Dichten 
regeln oder die Poesien die Regeln erläutern sollten. Neue Gedanken 
hatten die wenigsten. Bald wurden Opitzens Regeln ausgiebiger 
belegt mit klassischen Beispielen, bald von ihm übersehene Strophen- 
formen und Versmaße nachgetragen — in gelehrten oder dekora- 
tiven Erweiterungen gefielen sich meist die Epigonen. Zumal 
den Strophenformen widmeten sie besondere Sorge: die Zier- 
und Wulstsucht, die der verständige Meister zurückgedämmt 
hatte, brach später hervor — die Anhängsel, Schnörkel, Finessen 
besonders der Lautkoloristik. Das berühmteste Lehrbuch dafür 
ist Harsdörffers poetischer Trichter (Nürnberg 1647), das gründ- 
lichste Schotteis Teutsche Vers- oder Reimkunst (Wolffenbüttel 
1645), das eigensinnigste Philipp Zesens Deutscher Helikon (Witten- 
berg 1640). 

Neben den Regelbüchern entstanden massenhaft Beispiel- 
sammlungen, die den Dichtlehrlingen Stoff lieferten zum allegori- 
schen Aufputz ihrer kahlen Gedanken. Die Florilegia, Adagia, 
Exempla — die stilistischen Eselsbrücken der Erasmianer — 
wurden abgelöst durch die poetischen deutschen Emblemata, 



Martin Opitz. 39 

Devisen- und Floskelnlesen, Reimbücher, Mythologien, Schatz- 
kammern, Acerren usw. der Opitzianer, die entweder geradezu 
Vokabeln und Phrasen, Reime und Gleichnisse häufen oder ge- 
lehrte Anspielungsdinge aus Geschichte und Sage. Auch die 
Sprichwort- oder Anekdotensammlungen oder Mythologien sind 
nur Hilfsmittel der Poeterey, allegorische Vorratskammern meist 
mit witzig uneigentlichen Titeln. Mehrere Führer der Nach- 
opitzischen Bewegung widmeten sich mit breitem Eifer der alle- 
gorischen Lexikographie, vor allen die Oberschnörkelmeister 
Zesen und Harsdörffer. Die Formelndreher wie die Stoffkärrner 
hatte Opitz mit seinem Buch von der Teutschen Poeterey für ein 
Jahrhundert in Bewegung, wohl auch in Nahrung gesetzt. 

Wir wenden uns zu des Opitz Praxis: sie folgt, wenn nicht zeit- 
lich, so doch seelisch seiner Theorie. Seine Phantasie blieb in 
den von seinem Verstand abgesteckten Grenzen, und wenn er auch 
manchmal gegen seine strengsten Regeln verstieß (durch unreine 
Reime, Füllsel-, ,e" gewaltsame Betonungen und Umstellungen), 
so entsprach doch sein Dichten seiner Lehre und kam aus demselben 
Trieb, während bei manchen großen Dichtern die Lehre erst eine 
nachträgliche Deutung des ganz andersartigen Schaffens ist. Man 
darf Opitzens Poesie als ein Ganzes betrachten: seine einzelnen 
Werke unterscheiden sich voneinander weniger durch besondere 
Stimmung, durch Ton oder Glut, als durch ihre Länge, Strophen- 
fassung und Versmaße. Die Gattungen sind ihm verschiedene 
Fächer, worin der Stoff vorschriftsgemäß untergebracht wird, nicht 
verschiedene Leiber immer anderer Lebenskräfte. Lehrgedichte sind 
all seine Sachen, ob über den Krieg oder den Ackerbau, über Gott 
oder die Wollust, über Liebschaften oder Landschaften, Hochzeiten 
oder Todesfälle. Ob er eine Gedankenreihe durch mehrere Alexan- 
drinergesänge hindurch mythologisch und geschichtskundig exem- 
plifiziert oder in einer pedantisch hüpfenden ,,Ode" ein Gefühl 
glossiert oder einen Einfall zum Epigramm spitzt oder zum Sonnett 
rundet: der Ton, das Verfahren der Stoffdurchdringung ist fast 
immer gleich. Entweder ist ein Gedanke gegeben, oft angeregt 
durch eine bestimmte Situation, meist übernommen aus einem 
fremdsprachigen Muster: dann wird er erläutert durch Beispiele, 
versinnlicht durch Bilder aus Natur, Alltag, Geschichte . . etwa, der 



40 Friedrich Gundolf. 

Mensch soll dem Schöpfer aller Dinge vertrauen : Opitz zählt diese 
weitläufig mit ihren Merkmalen her. Oder eine Situation, eine 
Anschauung wird mit Nutz- und Lehrsprüchen umschmückt oder 
mit Pointen ausgedeutet. Beschreibungen, eigentliche oder 
gleichnishafte, Sentenzen, aus Weltweisheit oder Erfahrung, 
geschichtliche oder mythologische Exempel: das sind die drei 
Grundstoffe der Opitzischen Poesie die in ziemlich gleichmäßiger 
Abfolge diirch den Verstand miteinander verknüpft werden — sie 
bleiben im Bereich des abgezogenen Denkens. Auch die Inhalte 
der Sinnlichkeit erscheinen hier nur als Gegenstände des Denkens, 
als Zeichen und Begriffe, als ablösbar starre Vorstellungen. An 
Lebensfülle hat es ihm nicht gefehlt, aber Sprachton ist sie ihm 
nicht geworden. ,, Erlebnis" hat er nicht ausgedrückt, nur Ge- 
danken über Erlebtes gesagt, bestenfalls Vorstellungen von Er- 
lebtem gezeigt. Von Welt und Leben nahm er nur das Übertrag- 
bare, Wiederholbare, Fixierbare, die Formel wahr . . daher seine 
Lehrhaftigkeit und Gleichnissucht : das Gleichnis gibt, im Gegensatz 
zum Bild, eben das Uneigentliche, Uneigene. (Freilich ist die 
dichterische Einheit von Leben und Sprache unabhängig davon 
was in jedem Zeitalter für Leben gilt , von der Absicht der Schöpfer. 
Aus der Scholastik, die nichts von ,, Erlebnis" wußte, stieg Dante, 
und Shakespeares ,, Theorie" etwa in Hamlets Schauspielerwinken 
lag der des Opitz nah genug.) 

Des Opitz Poesie kommt aus der Leidenschaft des Worts, nicht 
aus der zum Wesen. Man darf diese beiden Arten dichterischer 
Eingebung unterscheiden. Bei den einen erschafft oder erregt ein 
Eindruck, ein Gefühl, eine Erschütterung erst den Sprachdrang 
und seine Gebilde, wie bei den meisten jugendlichen oder ani- 
malischen Gesängen, zumal in Deutschland. Bei anderen, häufiger 
in romanischen Ländern, waltet eine ursprüngliche Freude an der 
Sprache selbst und ihrer Formung. Nur wo beide Triebe ver- 
schmelzen, wo ausdrucksbedürftige Erlebnisfülle und angeborene 
Sprachlust eines sind, wo die Erlebnisse als bildnerische Spannung, 
die Sprache als Lebensmacht wirkt, entstehen die großen Werke 
der großen Geister. Gewöhnlich fristet sich die Dichtkunst durch 
Erlebnispoeten mit glücklichen Spracheinfällen oder durch Sprach- 
meister mit Gefühlsanlässen. Die einen sind in Gefahr, dilettantisch 



Martin Opitz. 41 

ZU verlaufen, die anderen, handwerksmäßig zu erstarren. Opitz 
(wie Platen) gehört zu der in Deutschland seltenen und weniger 
beliebten zweiten Art: er dichtet um des schönen Sagens willen: 
,, Welch eine Tugend ist die Kunst der Worte" — das käme auch 
ihm aus dem Herzen. Das seelische Material des Sagens nahm er 
wo er es bekommen konnte, aus der Erfahrung oder den Büchern — 
das ist fast gleichgültig für Art und Wert seines Schaffens. Man 
darf bei ihm weniger Weltanschauung und Lebensausdruck suchen 
als Sprachfeinheit und -bereicherungen. Er übertrug die Inhalte 
gebildeterer, nicht reicherer Sprachen ins Deutsche, er schuf eine 
deutsche ,, Wortkunst" (das ist noch nicht Dichtung) durch Ein- 
fuhr aus den Hofgesellschaftspoeten der Romanen und den neu- 
lateinischen und holländischen Bildungspoeten. Übersetzer ist 
er auch dort wo er nicht gerade Vorlagen wörtlich wiedergibt. 
Durch Eindeutschung fremder Wendungen hat er der deutschen 
Sprache doch eine neue Kraft verliehen, ihr wieder den Geist 
europäischer Bildung, höfischer Sitte vermittelt, soweit sie in ihrem 
einsamen Seelenstammeln, Pfaffengezänk oder bürgerlichen Gro- 
bianismus damals dessen noch fähig war. Was war seit Luther 
lebbar und sagbar auf deutsch ? Auf der höchsten Stufe Andacht, 
«Inbrunst, Glaubensangst und -wonne, auf der mittleren Grimm, 
Hohn, Staunen und Zutrauen, unten Behagen, Wut und die Trieb- 
lagen der Zu- oder Abneigung. Den größten Sprachumfang gibt 
Luthers Bibel . . schon in Luthers anderen Schriften fehlen, wenn 
man absieht von seinem Mannestrutz, Gotteseifer und Teufels- 
grauen — bei seinem großen Reichtum an Gefühls- und Gemüts- 
tönen und seiner erdenfesten Sachenkunde — alle Seelentöne der 
Sehnsucht, der Liebe und Freundschaft, der Ehrfurcht, die 
Nuancen jeder Geselligkeit die über Tisch und Bett hinaus- 
reicht. Seine Macht, Wucht, Einfalt und Fülle läßt gern vergessen 
wie gering seine geistige Weite war: er sah und empfand was die 
Masse sieht und empfindet, und konnte es sagen, beredt durch seine 
Glaubenserschütterung, gebildet an der Bibel, an Augustinus und 
Cicero. Darüber hinaus fühlte und kündete er einsame Herzens- 
angst, heiße Besessenheit, heiligen Ingrimm wie kein anderer 
Deutscher. Erfahrungen der versunkenen Einzelseele oder der 
dumpfen Volksseele gaben ihm Wort. Stumm blieb ihm alles 



42 Friedrich Gundolf. 

was den Menschen frei durchbildet, geseUig weckt, mit mensch- 
lichen Einzelbeziehungen erregt, hebt, beschwichtigt, mit welt- 
lichen Leidenschaften lockert und bindet,- das tausendfache Farben- 
und Linienspiel der Stände und Stufen, kurz der Bereich eines 
Dante, Shakespeare oder Goethe. Dies setzt ihn nicht herab: für 
ihn war eines not, und das hat er vollbracht. Doch besteht die Welt 
nicht nur aus Mystik und Masse, und zum ,,Volk" gehören nicht 
nur untere Schichten. Die oberen, die höhere Geselligkeit und 
feinere Geistigkeit, die sich neulateinisch um Erasmus und Reuchlin 
scharte, hatte Luther noch ohne deutsche Sprache gelassen. Seine 
Nachfolger fanden nur neue Laute der Gottinnigkeit und des 
Zanks, bis zum riesigen Unflat und krausen Witz . • das ist der 
Ruhm des sprachbegabtesten Grimm- und Spaßboldes Johannes 
Fischart, der neue Worte schuf, aber keinen neuen Ton. 

Da hat nun Opitz die fremden Formen eingeführt worin doch 
noch, wie geschwächt, verschnörkelt und verdünnt auch immer, 
dit gentilezza Petrarcas, die cortesia Ariosts, die Eleganz des 
Erasmus und durch sie hindurch die Sinnenfreude, die Leibes- 
zucht der Antike wenigstens als Ideal nachschwangen und vor- 
schwebten. Opitz war Schulmeister, Bürger, Kleinstädter, aber 
auch Neulateiner,Weltmann, Diplomat, und so durfte er kraft seines 
Verhältnisses zur Sprache, worin er lebte und webte, sogar ohne 
Herzensfülle und -gewalt, etwas von der europäischen Renaissance 
seinem geliebten Deutsch eingeisten . . ihren Wortschatten wenig- 
stens, ihr Redegespenst. Mit Blut und Mark mußten es Spätere 
nähren . . er brachte ihm erst Formeln, Griffe, Blicke für Bildung, 
persönliche Gefühle und sinnliche Nuancen. Die geräumigen 
Alexandriner, die künstlichen Strophen, Sonette, Sestinen, die 
zierlichen Reimranken boten erst neue Tanzmöglichkeiten die 
dem Knittelvers und Volkslied fernlagen. Die langen Perioden 
erlaubten mehr Erörterungen, Abtönungen, Unterschiede als die 
herzhafte Lutherprosa. Seit die deutschen Mystiker mit dem latei- 
nischen Sprachgeist der Scholastik rangen, war das Deutsch nicht 
um so viele Kunstworte bereichert worden wie durch und nach 
Opitz, freilich eine Arbeit des wählerischen Nachdenkens, nicht 
Eingebung und Lautgebärde. Doch enthält die Sprache nicht nur 
die Geschichte des Blutes und der Seele, sondern auch die des Ver- 



Martin Opitz. 43 

Standes . . sie ist nicht nur Lebensausdruck, sondern auch Verkehrs- 
mittel und Handwerkzeug. Darum haben solche gescheiten, brauch- 
baren, oft sinnreichen, neugebildeten Fach- und Gebrauchsworte 
sich eingebürgert. Fast alle zusammengesetzten Hauptworte die 
nicht unmittelbar dem Leben entstammen, sondern dem gelehrten 
Nachdenken, fast alle Übertragungen aus dem Französischen, 
Holländischen und dem Humanistenlatein gehen auf Opitz und seine 
Schüler zurück, auf sein Bemühen durch und wider das Fremde 
deutsche Sprache zu bilden (z. B. übersetzen, Trauerspiel, Ober- 
fläche, umarmen, Staatsmann, Sprachkunst, Schweinerei, Schwer- 
punkt, lustwandeln, umschreiben). Damals jagten manche, wie 
Schottel, Zesen, Harsdörffer, die phantasiereichen, vergrübelten 
Über-Opitze, geradezu nach deutschen Ersatzworten für fremde 
Vorstellungen, und manch erfolgreicher Fund lohnte die Mühe der 
Allegoriker: Splitterrichter, Rücktritt, Sattelpuffer, Grundstück, 
Schaubühne, Schandtat. Freihch mit der neuen Biegsamkeit 
blieb unserer Sprache von damals her auch ein Stubengeruch, und 
das papierne Deutsch verdrängte mehr und mehr das geatmete. 
Sprachschöpfer ersinnen nicht neue Worte am Schreibtisch, sondern 
zeugen neue Tonfälle aus dem Gespräch mit Gott und Menschen. 
Wir denken ja nicht in Worten, sondern in Sätzen . . aus sprach- 
bedürftiger Schau oder Erregung wachsen uns die Gebilde die sich 
in Worte gliedern. Dem alten deutschen Sprachgeist (ja Sprach- 
leib) den zuletzt Luther verlautet hatte, wurde seit Opitz eine 
beziehungsreichere, gelenkigere, doch auch dünnere und mattere 
Wortgesittung angewöhnt, unter der er sich weiter regte, mit der 
er sich dann zu einer wirklichen Redebildung durchdrang. Goethe 
formte die opitzianischen Erwerbe in das Luthererbe schließlich 
hinein, und sein Reichtum zehrt ebenso von gehobenem lutheri- 
schem Urgut deutscher Sprache wie von den gebildeten Zutaten 
im Übersetzergeschmack der Schlesier. Es ist ein weiterer Weg 
von Luther zu Opitz als von Opitz zu Goethe — an das ungeschlachte 
Lutherdeutsch konnte Goethe nicht unmittelbar anknüpfen, selbst 
wo er altertümelt. Ein Jahrhundert lang mußte das Deutsch durch 
mancherlei Rede- und Klingekünste geschmeidigt worden sein, 
um so wiüig dem Meister aller Seelen- und Sittentöne zu gehorchen. 
Betrachten wir die Inhalte die dem Sprachbildnertum des 



44 Friedrich Gundolf. 

Opitz als Anlässe dienten. Sein Würdegefühl, begründet auf Kunst 
und Wissen, füllt auch seine Verse, ein ehrgeiziger Stolz, gespornt 
durch eifrigen Patriotismus und gezügelt durch Klugheit. Beim 
Verfolg seiner Neuerung trug er den Kriegszuständen Deutsch- 
lands und den Umständen seines ruhmgekrönten und geldbedürftigen 
Wanderns Rechnung, und beide haben seine Weltansicht bestimmt : 
beim Elend der Zeit und der Bosheit der Menschen seien die reinsten 
und dauerhaftesten Güter die Gewißheit eignen Wertes, das Ver- 
trauen in Gott, die Freundschaft und die Geistesfreuden. Der Tod 
ist gewiß, die irdischen Genüsse wild und flüchtig, die Studien 
stet und lauter. Der Gegensatz zwischen Welttreiben und Geistes- 
ruhe, zwischen Scheingütern und wahrem Gut bleibt Opitzens 
Hauptthema, der ,, Gehalt seines eigenen Lebens", der ja nach 
Goethe allein poetischer Gehalt ist. Ihn wandeln seine größten 
und besten Dichtungen ab, das Trostgedicht, Vielguet, Zlatna 
konfrontieren die Arten und Werte der Selbstgenügsamkeit, Land- 
leben, Wissenschaft, Frömmigkeit, mit den Anlässen der Unruhe, 
Hof, Geschäfte, Waffen. Hieran hat er gelitten, dies war sein 
,, Problem" — der Ausgleich zwischen Erfolgsucht und Geistes- 
frieden. Horazens bescheidenes Epikuräertum schwebt ihm vor, 
doch Nachahmung ist hier Bekenntnis. Herr seiner selbst bleiben 
im Glück und Unglück, das ist sein Vorsatz: 

Ich bin Begierde voll 
Zu schreiben, wie man sich im Kreuz auch freuen soll. 

Er wägt die verschiedenen Lockungen, Gold, Ehren, Macht, 
Pracht, Schönheit, Ruhm, Genüsse einzeln gegen das beschauliche 
Landleben, unermüdHch im Beschreiben und Preisen dieser ihm 
doch fremden, mit echter Sehnsucht wenn auch in horazischen 
Floskeln ausgemalten Zustände. 

Opitz war weltlich gesinnt und sah sich auf der Erde um was^ 
sie ihm bieten könne und worauf er wohl oder übel verzichten 
müsse, das Unerreichbare bald verklärend, bald verschmähend. 
Zwei unausweichbare und unerforschbare Mächte freilich um- 
schlossen seinen Horizont: Gott und Tod. War Opitz auch kein 
Frommer und kein Grübler, so widmete er doch mit der kon- 
ventionellen Gläubigkeit seines Zeitalters der Gottheit erbauliche 



Martin Opitz. 45 

Betrachtungen, wie etwa gewandte Durchschnittsprediger aller 
christlichen Bekenntnisse. Gott erscheint als allmächtiger Schöpfer, 
als allgütiger Vater, als unergründlicher Lenker, dessen Schickungen 
man ergeben hinnehmen müsse. 

Der Herr von Anbeginn, ein Richter aller Sachen, 
Der alles sieht und hört, der Ohren hat zu wachen, 
Dem niemand kann entgehn, der kräftig um und an 
In allem ist, was ist, was war und werden kann. 
Der schickt uns alles zu, der ordnet alle Ding . . . 

Auch der Tod, als notwendiges End, als Erlöser aller Nöte, 
ist ihm ein willkommener Gemeinplatz erbaulicher Redekunst. 
Doch fühlt man hier keinen Schauer, keine persönliche Spaimung 
wie in seinen Versen über Sinnenglück und Seelenfrieden. Aus- 
drucksvoller, minder gemeinplätzlich sind seine Worte zugunsten 
der Glaubensduldung, ein seltener Fall im damaligen Deutsch- 
land. Man spürt hier den Humanisten dem das Sektengezänk 
gleichgültig war, der die sittliche Gesinnung wichtiger nahm als 
Mysterium und Dogma, und den arge Zeiterfahrung über das Buch 
hinaus hier beredt machte: 

Gewalt macht keinen fromm, macht keinen Christen nicht. 

Es ist ja nichts so frei, nichts also ungezwungen 

Als wohl der Gottesdienst. Sobald er wird erzwungen, 

So ist er nur ein Schein, ein falscher hohler Ton. 

Gut von sich selber tun, das heißet Religion, 

Das ist Gott angenehm. Laßt Ketzer Ketzer bleiben 

Und glaubet ihr für euch . . . 

Das eigentliche Zeugnis inniger Christlichkeit bei den nach- 
lutherischen Poeten, die Jesusliebe, fehlt bei Opitz durchaus. 
Geistliche Gedichte hat er, schon als Gattungsmuster, verfaßt, 
glatt und frostig, ohne evangelischen Herzenston. Sein Lob- 
gesang Jesu Christi, nach dem Heinsius, ist ein ödes Wissens- 
und Redeprunkstück, mehr eine religionsgeschichtliche Abhand- 
lung als ein Erguß der Andacht. Er rühmt der Vorlage nach, es 
sei darin ,, nichts ohne auserlesene Worte, ohne tiefen Verstand". 
Auf das Silbenmaß habe er genau achtgegeben. Die weltliche 
Ausdrucksweise sei heutzutage ohne Gefahr: man wisse ja jetzt 



46 Friedrich Gundolf. 

alles allegorisch zu nehmen. Religion ist für Opitz Gottesgelahrt- 
heit oder Moral, Gott eine erhabene Antithese der Vergängnis, 
die philosophische Endursache oder der Lenker der Geschicke, 
die Bibel eine Beispielssammlung wie die Aeneis oder die Ilias. 

Ebenso fern wie religiöse Verzückung oder Versenkung lag 
seiner Poesie die Leidenschaft. Seine Liebesgedichte sind meist 
Übersetzungen, Sprachübungen über verliebte oder galante In- 
halte. Liebschaften hatte er genug . . sein affectus praedominans sei 
voluptas et libido gewesen, wurde ihm nachgesagt . . man sprach 
von seinen Bastarden, und er selbst gestand, die Wollust fechte 
ihn am meisten an, er sammle zu ihrer Bekämpfung alles was die 
Alten darüber geschrieben! Doch sein Liebesdichten ging von 
Buch zu Buch, nicht von Fleisch zu Wort. Auch wo er wirkliche 
Buhlen ansingt, bleibt ihm die Liebe geselliges Empfindungs- 
spiel. Er wirbt gar um seine Asterie mit dem Hinweis auf ihre 
Unsterblichkeit durch seine Verse: 

Wer wird hernach dich preisen, 
Wann dies mein irdisch Faß hernach die Würmer speisen? 

Ein Motiv das er gern wiederholt, weil sein Ehrgeiz ihn beredter 
macht als seine Sinnlichkeit. Meist bleibt sein Werben höfliche 
Schäferei, Klage über Sprödigkeit, neckischer Preis Kupidos, 
Mondscheinschmachten mit frostig galanten Pointen. Auch in 
der Liebe beschäftigt ihn am meisten der Streit zwischen Buhl- 
schaft und Wissenschaft, zwischen Genuß und Ruhm. Es sind 
noch seine frischesten Oden und Gesänge, die diesem Schwanken 
gelten. Bald entscheidet er sich für den Ruhm: 

Die Tugend ist mein Ziel. 

Asterie samt allen 

Mag bleiben, wo sie will . . . 

bald für den Genuß, wie in dem bekannten ,,Ich empfinde fast ein 
Grauen . ." einer echt nachempfundenen Umbildung des Hora- 
zischen carpe diem. Diese Ode eröffnet den langen Reigen der 
deutschen Anakreontik bis zum Leipziger Liederbuch Goethes. 
Keinen neuen Seelengehalt, aber eine neue Höflichkeit, wenn auch 
flache und dünne Sittigkeit kündigen solche galanten Verse an, 
die im Vergleich mit der massigen und knotigen Buhlsprache der 



Martin Opitz. 47 

Lutherzeit vielleicht ein Gewinn ist. Ein Liedchen, wie das „Ach 
Liebste, laß uns eilen", ist wenigstens ein erster Versuch zu 
,, tanzen", zu schweben, und er ist nicht ganz mißglückt. 

Übrigens ist Opitz frei von der schwammigen und schmalzigen 
Lüsternheit seiner phantasievolleren und geschmackloseren Nach- 
fahren, unter denen die zärtlichen Anfänge in geiles ödes Getändel 
entarteten, als habe sich der zurückgedrängte Unflat der Fischart- 
zeit mit der höfischen Ziererei und dem gelehrten Prunk der 
ersten schlesischen Schule gemischt. Ein Schritt zur Sittigung 
des derbsinnlichen Begehrs, freilich auch zu seiner Denaturierung, 
geschah mit der Einfuhr der horazischen und anakreontischen 
Motive durch Opitz. Das ist der gesellschaftliche Wert seiner 
Liebesgedichte . . ihr künstlerischer ist gering : sie sind gefühlsseicht 
und gedankenarm. 

Auch die Freundschaften des Opitz sind keine Seelenereignisse, 
sondern Gesellschaftsformen, untrennbar für ihn von seiner Schrift- 
stellerei, Berühmtheit und Wanderschaft. Keine Spur wärmeren 
Anteils, wie in den Freundschaftstönen eines Fleming oder Dach. 
Selbst herzlichen Huldigungen erwidert er höflich gemessen oder 
verbindlich schmeichelhaft. All seine Freunde sind Literaten und 
sie sind seine Freunde a 1 s Literaten . . nur so hat er sie gesehen und 
besungen, als Mitwerber und Ruhmesgenossen. 

Nicht im Menschenbereich, sondern im Sachenbereich war diese 
seelenferne Redepoesie zu Hause, in der Belehrung und der Be- 
schreibung, im Ausdruck allgemeiner Moral, die sich in Lehrsätze 
fassen ließ, und in der Wiedergabe des Sichtbaren, am erfreulichsten 
durch Selbstgedachtes und Selbsterblicktes. Neben dem Ruhm 
und der Aufgabe entlockt nichts dem Poeten wärmere Töne als die 
deutsche Not im großen Krieg: 
Wir haben viel erlitten 
Mit andren und mit uns selbst unter uns gestritten. 
Das edle deutsche Land mit unerschöpften Gaben 
Von Gott und von Natur auf Erden hoch erhaben 
Dem Niemand vor der Zeit an Kriegestaten gleich 
Und das viel Jahre her an Friedenskünsten reich 
In voller Blüte stand, ward und ist auch noch heute 
Sein Widerpart selbstselbst und fremder Völker Beute. 



48 Friedrich Gundolf. 

Diese Verse stammen aus seinem am meisten „gesehenen" und am 
wenigsten zusammengelesenen Werk, dem Trostgedicht in Wider- 
wärtigkeit des Kriegs. 

Selten genügen dem Opitz seine Augen; auch seine meisten 
Naturschilderungen sind Redefloskeln . . Sterne, Wolken, Quellen, 
Blumen, Vögel, Wälder sind Kulissen . . Nymphen, Hirten, Satyrn 
Staffage, vertauschbar und wiederholbar, ohne bezeichnende 
Augenblicks- und Ortsmerkmale: Schatten sind kühl, Getön ist 
lieblich, der Himmel blau. Selbst bestimmte Landschaften, wie 
etwa der Heidelberger Wolfsbrunnen, bietet nur das leere Gerüst 
für die verschiebbaren Geräte: 

Du edele Fontein mit Ruh und Lust umgeben 
Mit Bergen hier und dar als einer Burg umringt 
Printz aller schönen Quell aus welchen Wasser dringt 
Anmutiger dann Milch und köstlicher dann Reben. 

Vorstellungen und Begriffe, nicht Anschauungen und Empfindungen 
bestimmen das Landschaftsbild. Am ehesten glücken noch un- 
bestimmte Mondscheinszenen, neben dem Frühling die ersten 
Anlässe des gelockerten Natursinns und der erwachenden Empfind- 
samkeit. Doch galt es erst wieder bestimmte Vorstellungen wieder 
zu sagen, ehe das Naturgefühl selbst dichterisch erklang. Land und 
Wälder sind vorerst poetischer Hausrat des belesenen Städters. 
Das Landleben dient nur als rhetorischer Gegensatz des Stadt- 
lebens, die Abendruh nur als Kontrast des betriebsamen Ti'gs, 
mehr eine sittliche als eine sinnliche Bedeutung kommt der Schäferei 
zu : sie ist die Unbetriebsamkeit, das procul negotiis, und nicht die 
Natur feiert Opitz, sondern das Tun und Ruhen und die Sachen der 
Bauern, meist nach Vergü oder Sannazaro, besonders im Vielguet 
und in der Schäferei von der Nimfen Hercinie. Auch wo Opitz 
über die abgegriffenen Schablonen hinaus eingehend dinglich 
beschreibt, liegen Zettelkästen zugrunde. Wenn in der Hercinie 
eine Hexenküche mit allem gruseligen und ekligen Brodel und 
Brauch geschildert wird, so ist das nicht, wie etwa im Macbeth 
oder im Faust, Wiedergeburt alter Volksschauer und dunkler 
Mythen aus dichterischer Stimmung, sondern gelehrter Prunk 
mit Kenntnissen aus Garmanns KoUektaneen de Miraculis Mortu- 



Martin Opitz. 49 

orum, aus des Praetorius Daemonologia, aus den Kommentaren zu 
Theokrit, Vergil und Lukan. Kurz, Bilder, woher auch entnommen, 
ob aus Erfahrung oder Lektüre, ob schablonenhaft oder anschaulich, 
sind bei Opitz entweder dekorativer Redestoff oder gelehrter Ge- 
dächtnisstoff. Form und Stoff hat er nie gleichzeitig: die Form 
wird gemacht, der Stoff eingefüllt. Er war kein Bildner oder 
Maler, sondern ein Mosaikhandwerker der gegebne Gemälde 
in kleinen Stückchen nachbosselt. So freihch lernten seine Schüler 
erst die Vorbilder sehen, dann nachbosseln und einige das eigene 
Malen. Übertragen und Nachbosseln war damals mehr als heute. 
Opitz mußte die Deutschen wieder reden lehren, und nicht was, 
sondern daß er sie reden lehrte, macht seinen Ruhm. Den Rede- 
stoff fand er weniger im Erlebnis als im Gedächtnis, weniger in 
Menschen als in Büchern, und auch dafür dankten ihm die 
Deutschen, denen er die Zunge überhaupt gelöst. 

Wie sein Buch von der Poeterey die Regel, so gaben seine 
Poemata die Muster. Die von ihm gepflegten Gattungen be- 
stimmten ganze Poetengeschlechter, nicht nur im Lehr- und Anlaß- 
gedicht, in den sogenannten ,, Wäldern" hat er fortgewirkt: selbst 
eine zufällige Arbeit, wie seine Dafne, ein Festspiel nach italienischem 
Muster, zur Musik von Heinrich Schütz, ward das Vorbild der 
deutschen Oper, mit ihrer Verknüpfung von Mythologie, Sprach- 
ziererei und Klangreiz gleichsam das erste ,, Gesamtkunstwerk", 
die erste Geburt aus der Ehe zwischen Musik und Literatur. Noch 
war der Poet hier der Führer des Musikers : er gedachte nicht nur 
das Gelehrte, sondern auch das Reizende des Spiels selbst zu 
liefern. Mit der Wortkunst, nicht mit der Tonkunst, beginnt die 
Geschichte der deutschen Oper, und erst allmählich überwucherte 
der Reiz den Sinn, der Klang das Wort. 

Wo Opitz hintrat blieben in der deutschen Verskunst seine 
tiefen Spuren. Kaum Goethe hat so allanerkannt als ,, Meister" 
gewirkt. Fleming, der Opitz nicht nahstand und den er nicht ge- 
fördert, ruft ihm ins Grab nach: 

Du Pindar, du Homer, du Maro unsrer Zeiten! 

O ewiglicher Schatz und auch Verlust der Welt, 

Die Welt hat wahrlich mehr nichts Würdigs zu beschreiben. 

Gundolf, Martin Opitz. 4 



50 Friedrich Gundolf. 

Dies ist die ehrliche und einhellige Ansicht aller Schriftsteller dieser 
Zeit. Rist nennt Opitz den „Erretter deutscher Sprache". Der 
männliche Logau, weder Schmeichler noch Nachbeter, rühmt 

Im Latein sind viel Poeten, immer aber ein Vergil, 
Deutsche haben einen Opitz, Dichter sonsten eben viel. 

Der arme von ihm vernachlässigte Simon Dach verherrlicht ihn 
als das ,, Wunder der Deutschen", den ,, Ausbund und Begriff aller 
hohen Kunst und Gaben". Jede Vorrede zu Gedichtbänden des 
17. Jahrhunderts huldigt ihm. Noch Haller verteidigt sich 1748 
mit des Opitz unangefochtenem Muster, und Gottsched hielt ihm 
hundert Jahre nach seinem Tod eine abstrichlose Lobrede als dem 
Gesetzgeber, Dichter, Sprachschöpfer, Gelehrten und Weisen- 
Kaum, daß sein süddeutscher Rival Harsdörffer und sein Über- 
treiber Hofmannswaldau ihm die Originalität der Erfindung vor- 
sichtig absprachen — als Sprachmeister und Formenmuster haben 
auch sie ihn rückhaltlos anerkannt. 

Opitz bestimmt den Stil, die Gesinnung, die Gattungen, fast den 
Stoff der weltlichen deutschen Verskunst im 17. Jahrhundert und 
ist, wenn nicht ihr menschlich liebenswertester und dichterisch 
reinster Vertreter, so doch ihr geschichtlich wichtigster. Nur wenige 
haben in seinem Jahrhundert einen eignen Ton, keiner vor Klop- 
stock einen neuen Stil. Auch Gryphius (der dem Begründer an 
dichterischer Fülle weit überlegen war) überträgt nur den Opitzstil 
auf eine von diesem selbst noch nicht ernstlich angebaute Schul- 
gattung. Die deutsche Literatur strömt in der von Opitz gebrochenen 
Bahn, bis zwei andre Flüsse in sie einmünden, die Mystik und die 
szenische oder erzählende, halb oder ganz populäre Unterhaltung. 

Das geistliche Lied aus Luthers Nachfolge nutzte die Sprach- 
und Versreform des Opitz: erneuert wurde es durch den Einfluß 
der Mystik aus Jakob Böhmes Bereich. Böhmes Atem spürt man, 
wo das Kirchenlied, über gereimte Bibellehre, Dogmatik und 
Homiletik hinaus, Glaubensstimmungen ausdrückt. Ein anderer 
Hauch der ekstatischen Innigkeit kam aus Spanien: von ihm ist 
Spee berührt. Opitz hat den neuen Stil auf geistliche Stoffe an- 
wenden gelehrt und damit der offiziellen Kirchenpoesie einen 
bequemen Weg gezeigt und sie gefristet. 



Martin Opitz. 51 

Wo sein Stil sich mit dem stofflichen Theater der englischen 
Komödianten einläßt reifen die Haupt- und Staatsaktionen bis 
hinauf zu Gryphius, wo er die Prosa beeinflußt, die bombastische 
Hofhelden- und Schäfergeschichte. Seine eigne Prosa in der 
Schäferei von der Nymfen Hercynie. seine Eindeutschung von 
Pembrokes Arkadia und Barclays Argenis wirkt noch als Stil- 
vorbild für Zesens Adriatische Rosemund, für die Frühwerke 
Grimmeishausens, für Zieglers Asiatische Banise, für die Artamene 
und die Octavia Anton Ulrichs von Braunschweig, für den Arminius 
des Lohenstein, kurz für jeden deutschen Roman des folgenden 
Jahrhunderts, der nicht wesentlich aus der Erfahrung stammt. 

Allmächtig und fast ausschließlich herrscht Opitz im Anlaß- 
poem, ja er hat diese Dichtart erst zum Kennzeichen seines Zeit- 
alters gemacht, die Feier von Anlässen die den Poeten im Grund 
gleichgültig waren. Wenn Pindar die olympischen Siege verherr- 
lichte, so war er der Mund der festlichen Menge, einig mit seinen 
Auftraggebern und Hörern. Die Ode gehörte zum heidnischen Kult 
wie das Kirchenlied zum christlichen. Auch noch die alexandri- 
nischen und römischen Hofpoeten und die der Renaissance sind 
Mitglieder der Pracht der sie dienen mit ihren Gelegenheits- 
gesängen, sie ist ein Element auch ihres inneren Daseins. Doch 
wenn Opitz, Fleming, Günther die Hochzeiten, Trauerfälle, Ge- 
burtstage und Doktorschmäuse aus Gefälligkeit oder Bezahlung 
durch Bombast aus ihrer Wissenschaft schmücken, so sind Anlaß 
und Stimmung getrennt, der Zufall wird der Gebieter der Poesie, 
das beliebige Privatleben ihr Gebiet. Opitz bezeichnet auch hier 
die Grenze zwischen der letzten entarteten öffentlichen Gesamt- 
poesie und der privaten Poesie. 

Wie sich der Geist vom Formtrieb als Zweck und Stoff gesondert, 
der Formtrieb vom Geist als Spiel und leerer Schmuck, so löste sich 
auch das Einzelne vom Gesamtsinn. Das Anlaßgedicht sollte 
Sonderzweck, Sonderspiel und Sonderstoff künstlich verknüpfen, 
und es vermittelte zwischen dem Alltag, der Mythologie und der 
Sprache des damaligen Deutschen. Das dürftige Bürgertun und 
-leiden sollte von Fall zu Fall durch gelehrte Vergleiche verklärt, 
durch gehobene Rede verziert werden . . das öde Wissen von der 
Vorwelt wurde eingelassen in gegenwärtige Vorkommnisse, und 

4* 



52 Friedrich Gundolf: Martin Opitz. 

das Phrasengetändel bekam wenigstens irgendeinen Halt außer- 
halb des Hirns. Die besseren unter den armen Poeten blieben durch 
solche Notstandsarbeit im Gleichgewicht zwischen trüber Erde 
und falschem Olymp. Ihre Hochzeits-, Geburts- und Leichen- 
carmina sollten Erwerb und Fest vereinen und den einzelnen 
Schmausgelegenheiten einen allgemeineren Sinn eindeuten. Tisch 
und Bett wurden mit Wortfloskeln statt mit Blumen bestreut und 
die Götter zu Gast geladen — ein dürftiger Rest der Freudigkeit, 
ohne die keine noch so entartete Kunstübung besteht, sitzt auf 
dem Grund dieser Reimsei. Bei Fleming oder Günther fließt 
wirklich etwas von ihrem inneren Leben in die Anlässe ein — sie 
zeigen einen schmalen Weg von der bezahlten Zufallsreimerei zum 
begeisteten Seelengesang eines Klopstock und Goethe. Ohne das. 
Gelegenheitsgedicht wäre der Zusammenhang zwischen Leben und 
Bildung damals vielleicht zerrissen . . es blieb das faßlichste und 
wirksamste Zeichen für das Bedürfnis der Bürger nach dem Ideal 
und der Literaten nach der Wirklichkeit, es bewahrt als Durch- 
schnittsgattung am festesten die Berührung des Geistes mit dem 
gediegenen Werktag. Das Theater war damals Festprunk oder 
Schulübung oder Pöbelspaß, der Roman, von wenigen Genie- 
werken abgesehen, Buchmache und Phantasterei, das Kirchenlied 
geistlich. Zum geistlichen Lied gehört das Anlaßgedicht übrigens 
als Gegenstück, und beiden half derselbe Zustand zur Blüte: die 
Emanzipation des inneren und äußeren Privatlebens. Indem Opitz 
auch für diesen Zustand die lernbaren Regeln und die wirksamen 
Muster gab, hat er vielleicht das damalige Deutschland vor der 
völligen Verrohung und Erstarrung gerettet: denn bloße Mystik 
kann das nicht. Vielleicht liegt sein Verdienst weniger in dem 
was er geschaffen als was er verhütet : die Flucht deutschen Geistes 
aus der europäischen Bildung. Er hat eine Brücke gebaut zwischen 
Petrarca und Goethe über den von Luther gerissenen Abgrund 
hinweg. Manche werden diesen Abgrund heilsamer finden und 
wir könnten uns schönere Brücken denken. Aber so wie es ge- 
kommen trägt sie seinen Namen. 



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